Meinung : An die Spitze muss man wollen

Warum Deutschland Elite-Universitäten braucht

Hartmut Wewetzer

Eine Elite-Universität im Stil von Harvard oder Berkeley in Deutschland? Die heftigen Reaktionen auf den Vorschlag von SPD-Generalsekretär Olaf Scholz haben vor allem eins gezeigt: Wenn es um Bildung geht, sind die Verfechter des Durchschnitts, der Norm, des Mittelmaßes hier zu Lande noch immer in der Überzahl. Der Spitze wird das Breite gegenübergestellt: Zuerst muss in die Breite investiert werden (Außenminister Joschka Fischer, Grüne); Deutschland muss „in der Breite besser“ werden (Grünen-Chef Bütikofer); das Land hat ein „Breitenproblem“ (SPD-Vorstandsmitglied Hermann Scheer). Auch in der Union überwiegt die Ablehnung – vielleicht auch ein bisschen der Neid, nicht selbst auf die Idee mit dem deutschen Harvard gekommen zu sein. Oder nicht genügend Mut dafür gehabt zu haben.

Also weiter so wie bisher? Nein, bitte nicht. Denn Deutschland hat nicht nur ein Breiten- sondern auch ein Spitzenproblem. Was sich daran zeigt, dass viele seiner besten Forscher das Land verlassen, um zum Beispiel in Amerika ihr Glück zu machen. Das heftige Echo auf den SPD-Vorschlag zeigt, dass er ins Schwarze trifft. Denn wir brauchen tatsächlich Spitzenhochschulen. Die meisten deutschen Universitäten bieten eine solide Ausbildung, manche mehr. Aber im internationalen Vergleich spielen auch die besten – etwa München, Heidelberg, Stuttgart, Berlin –, leider nur in der zweiten Liga. Wer ganz nach oben will, muss mehr tun. Und Deutschland muss.

Universitäten sind im besten Falle Orte des Neuen. Hier werden Ideen geboren, Patente erdacht und der Erkenntnishorizont ausgeweitet, hier wird eine neue Generation von Akademikern auf ihren Beruf vorbereitet. Hochschulen sind für das Gedeihen der Gesellschaft unerlässlich. Ihre Qualität ist ein Maßstab dafür, wie und ob ein Land sich seinen Herausforderungen stellt. Herausragende Universitäten sind Lokomotiven in die Zukunft. Das zeigt sich in den USA besonders deutlich – Silicon Valley wäre ohne die Universität Stanford ebenso undenkbar wie die Biotechnik-Unternehmen der amerikanischen Ostküste ohne Harvard oder das Massachusetts Institute of Technology.

In Deutschland gibt es, begründet durch die Vergangenheit von Obrigkeitsstaat und Diktatur, nachvollziehbare Aversionen gegen den Begriff Elite. Er steht für Dünkel und Ausgrenzung. Natürlich kann der Maßstab für eine Elite in einem demokratischen Staat nur die besondere Leistung sein. So gesehen braucht jedes Land eine Elite – auch eine wissenschaftliche. Klar ist ebenso, dass die Hauptlast der Ausbildung auch zukünftig nicht von einigen wenigen universitären Leuchttürmen getragen werden wird. Aber ihre Ausstrahlung wird allen nützen und den dringend nötigen Wettbewerb stimulieren.

Damit deutsche Hochschulen besser werden können, muss man sie auch dazu befähigen. Hier wird sich die SPD an ihren Worten messen lassen müssen. Spitzenunis brauchen vor allem zwei Dinge: Freiheit und Geld. Beides ist im deutschen System Mangelware. Die Hochschulen sind chronisch unterfinanziert und in starre Rechtsvorschriften eingezwängt, sie dürfen keine Studiengebühren erheben und sich ihre Studenten nicht frei aussuchen. Das deutsche System macht alle gleich – in Zukunft ist Mut zum Unterschied gefragt.

Es wird viel Energien kosten, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Denn ein deutsches Harvard lässt sich nicht in der Retorte erzeugen. Ebenso wenig steigt aus der großen grauen Masse der deutschen Universitäten schon morgen ein glitzernder Superstar empor. Jetzt geht es darum, die Hochschulen zu mobilisieren und zu befreien. Damit schafft man zumindest den Humus für zukünftige Spitzenunis. Auf diesem Weg stehen wir erst am Anfang.

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