Meinung : An keinem und jedem Ort

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Von Ute Sauerbrey

WO IST GOTT?

Früher wusste ich, wo Gott ist. Im Himmel, natürlich. Was für eine Frage! Und ich wusste, dass er alles sieht, was ich tue, alles hört, was ich flüstere.

In dieser Gewissheit wurde ich von einer Freundin gestört, die schon einmal in einem Flugzeug gesessen hatte und mir klar machte, wie klein vom Himmel alles aussieht, was auf der Erde ist. Seither musste ich mich entscheiden, ob ich Gott weiter im Himmel lassen oder ob ich ihm Einblick in mein Leben zutrauen wollte.

So bin ich in zartem Alter an das schwierige theologische Problem vom Deus revelatus und Deus absconditus herangeführt worden, vom offenbaren und vom verborgenen Gott. Und wie man die beiden zusammendenken kann, ohne am Ende mit zwei Göttern dazustehen.

Es wäre jetzt übertrieben zu sagen, dass meine flugerfahrene Kinderfreundin schuld daran ist, dass ich Theologie studiert habe. Aber sie hat eine Denkbewegung notwendig gemacht, die hoffentlich nicht aufhört, auch nicht, wenn ich und an diesem ersten Advent in der Berliner Marienkirche als evangelische Pfarrerin ordiniert werde. Das heißt: Ich darf jetzt öffentlich predigen, die biblischen Texte lesen und in diese Zeit hinein sprechen. Es heißt – gottlob – nicht, dass ich mit allzeit gültigen Antworten aufwarten muss.

Ich liebe die Texte der Bibel und bin überzeugt, dass sie jeden und jede angehen - und ich glaube, dass jede Auslegung einen Platz frei lassen muss für Gott. Denn mehr als in selbstgewissen Antworten ist Gott in dem ernsten oder sehnsüchtigen oder zweifelnden Fragen nach ihm.

Gott hat in der Welt keinen festen Ort. Jede noch so kitschige Krippenszene predigt doch das Evangelium von dem Gott, der keinen Raum gefunden hat in der Herberge. Erzählt von einem Gott, der selber ungeborgen, klein und heimatlos geworden ist. Und rührt an die Sehnsucht nach einer besseren Welt, in der Säuglinge nicht mehr in zugigen Ställen zur Welt kommen müssen, Familien nicht mehr auf der Flucht sind und Gott bei uns wohnt.

Diese Sehnsucht macht, dass Menschen Orte offen halten für Gott, damit er kommen kann, wenn er denn beschließt, es zu tun. Solche Orte können Kirchen sein. Oder ein Lied, angestimmt gegen die Angst. Oder ein Streicheln, ein freundliches Wort.

Es ist der Bildzeitung vorbehalten, mit Titeln wie „Gott hat mitgeholfen" eindeutige Antworten zu finden. Ich weiß wirklich nicht, wo Gott ist. Manchmal glaube ich zu wissen, wo Gott war. Wenn in der Rückschau auf ein Leben sich Bruchstücke zu einem Ganzen fügen. Das sind tastende Versuche, Orte Gottes in dieser Welt auszumachen.

Und ich habe eine Tochter, die noch nie geflogen ist und deshalb weiß, dass Gott im Himmel ist und sie trotzdem lieb haben kann und den Opa, der gestorben ist, auch.

Die Autorin ist Lektorin im Wichern-Verlag (Berlin) und Redakteurin der „Kirche. Evangelische Wochenzeitung für Berlin und Brandenburg". Sie wird heute in Sankt Marien am Alexanderplatz mit 10 anderen Theologinnen und Theologen zur Pastorin ordiniert.

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