Meinung : „An Medaillen versuchte ich nicht zu denken“

Christiane Mitatselis

Es ist das Lächeln, das Shizuka Arakawa diesen entrückten Touch verleiht. Oder ist es doch das Staunen, das in den Mandelaugen der Japanerin liegt? Die neue Olympiasiegerin im Eiskunstlauf spricht ganz leise über ihren sensationellen Triumph von Turin. „Ich kann es nicht glauben“, sagte die 24-Jährige im Flüsterton. Warum gerade ich, schien sich Arakawa zu fragen? Es ist ganz einfach: Weil sie am Donnerstagabend in der olympischen Eiskunstlaufhalle „Palavela“ die Beste war – und zwar mit Abstand. Arakawas Olympiasieg, der erste für Japan im Eiskunstlauf, war verdient, denn sie bot eine technisch anspruchsvolle Kür fehlerfrei. Dagegen versagten den favorisierten Konkurrentinnen Sasha Cohen (USA) und Irina Slutskaja (Russland) die Nerven. So wurde Arakawa zur lächelnden Dritten von Turin. „Ich versuchte, nicht an Medaillen zu denken“, berichtete sie. Zu „Turandot“ von Puccini, zu der Musik, mit der sie beim WM-Sieg 2004 ihren zuvor einzigen großen Titel gewonnen hatte, lief Arakawa eine wunderschöne, anspruchsvolle Kür.

Und auch ihre Geschichte erzählt sich schön: Im Alter von fünf Jahren begann die 1981 in Sendai geborene Sportlerin mit dem Eislaufen. Schon im Grundschulalter landete sie ihre ersten Dreifachsprünge. Von 1995 bis 1997 wurde sie dreimal in Serie japanische Juniorenmeisterin. 1998 glückte ihr der Übergang zu den Damen, sie wurde auf Anhieb nationale Meisterin. Ihr WM-Sieg 2004 in Dortmund brachte Arakawa – damals 22 Jahre alt – durcheinander. Sie war die erste japanische Weltmeisterin und wusste nicht, ob sie weitermachen oder ins Showlager wechseln sollte. Die 1 Meter 66 große Läuferin vernachlässigte ihr Training. Bei der WM in Moskau 2005 kam sie nur auf Rang neun. Erst im vergangenen Herbst entschloss sie sich, wieder ernst zu machen. Sie trainiert seither in Connecticut mit dem russischen Trainer Nikolai Morosow – mit sichtlichem Erfolg. „Ich bedanke mich bei allen“, sagte Arakawa, „die mich in den letzten zwei Jahren unterstützt haben“.

Arakawas olympischer Triumph löste umgehend einen Euphorieschub in Japan aus, wo Eiskunstlaufen sehr beliebt ist. Tageszeitungen druckten Extrablätter, Ministerpräsident Junichiro Koizumi gratulierte der Sportlerin. Ob sie nun wie die meisten Olympiasiegerinnen künftig nur noch Shows laufen wird, ließ Arakawa noch offen. „Man wird sehen“, sagte sie. Lächelnd.

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