50 Jahre Mauerbau : Die Nation hat im Innersten zusammengehalten

Millionen Deutsche im Westen mit Wurzeln im Osten trugen wesentlich dazu bei, die Nation in den Jahren der Trennung zusammenhalten - zum Beispiel Herbert Wehner und Hans-Dietrich Genscher.

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Die Berliner Galerie Sakamoto Contemporary zeigt zum 50. Jahrestag des Mauerbaus eine Ausstellung mit Fotografien von Henri Cartier-Bresson, Peter Brüchmann, Raymond Depardon, Jacques Hartz, Robert Lebeck und Rosmarie Pierer. Eröffnet wird die Ausstellung am 6. August. Die Galerie in der Seydelstraße 7, 10117 Berlin, ist dienstags, mittwochs, freitags und samstags von 14-18 Uhr geöffnet, donnerstags von 16-21 Uhr. Henri Cartier-Bresson. Vor der Berliner Mauer, 1962. Vintage, gelatin silver print, 18 x 24 cm Artists stamp, titled and dated on versoAlle Bilder anzeigen
Foto: SAKAMOTOcontemporary | Berlin
03.08.2011 13:51Die Berliner Galerie Sakamoto Contemporary zeigt zum 50. Jahrestag des Mauerbaus eine Ausstellung mit Fotografien von Henri...

Ohne die Massenflucht aus der DDR hätten Walter Ulbricht und Erich Honecker 1961 nicht die Mauer in Berlin bauen lassen und ihren Staat in ein scharf bewachtes Lager verwandelt. Ohne die Flüchtlinge wären aber auch 1989/90 das Ende der DDR-Diktatur und die deutsche Einheit in Freiheit und Frieden nicht möglich gewesen. Ihr Anteil an diesem am Ende glücklichen geschichtlichen Prozess wird oft übersehen. Allein zwischen 1957 und 1989 waren es 2,359 Millionen – über Zahlen davor verfügt das Statistische Bundesamt nicht.

Für die meisten dieser Millionen Menschen, die seit 1945 aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der 1949 daraus gemachten DDR bis zur Wende und Wiedervereinigung 1989/90 „in den Westen“ gingen oder fliehen mussten oder zuvor schon „aus dem Osten“ vertrieben worden waren, gilt die Erfahrung: Sein prägt das Bewusstsein. Und niemand kann aus seiner Verwandtschaft austreten. Das trifft auch für Politiker zu.

Das hatte politische und geschichtliche Folgen: Die Millionen Deutschen „im Westen“ mit Wurzeln „im Osten“, diese „Wossis“, trugen wesentlich dazu bei, die Nation im Innersten zusammenhalten. Gerade auch nach dem Mauerbau in Berlin und der danach immer hermetischer werdenden Veränderung der Zonengrenze zur, auch gegen die DDR-Bevölkerung, mit einer zusätzlichen Fünf-Kilometer-Zone nach innen hin abgeriegelten und hochgerüsteten „Staatsgrenze“. Diese Menschen widersprachen in ihrem Bewusstsein sowohl der in der Endzeit der DDR immer stärker gewordenen Abkehr der SED von „Deutschland einig Vaterland“, aber auch einer Gleichsetzung der Begriffe Deutsch und Deutschland mit der Bundesrepublik allein durch zu viele Westdeutsche. Denn sie wussten wegen ihrer Herkunft und der Pflege ihrer Verwandtschaften und Freundschaften, dass Deutschland nicht an Werra und Elbe endet.

Das galt für einflussreiche Bundestagsabgeordnete ebenso, nicht nur für Berliner wie Willy Brandt, Jakob Kaiser, Ernst Lemmer, Johann Baptist Gradl und Hans-Günter Hoppe oder die Abgeordneten mit der zusätzlich schmerzenden Erfahrung des Heimatverlusts in den einst deutschen Ostgebieten wie Rainer Barzel aus Ostpreußen. Oder für die beiden befreundeten Fraktionsvorsitzenden der Bonner SPD-FDP-Koalition Herbert Wehner und Wolfgang Mischnik, beide aus Dresden. Und nicht zuletzt für Hans-Dietrich Genscher aus Halle an der Saale. Um sie stellvertretend für die anderen zu nennen.

In Deutschland leben eben nicht nur „Wessis“ und „Ossis“, sondern auch „Wossis“ mit West- und Ost-Erfahrungen zugleich, und diese große Ost-West-„Wanderung“ war wirkungsvoll: Einerseits versuchte die SED der Millionen-Flucht 1961 durch die Verwandlung der DDR in ein großes, an allen Grenzen militärisch abgeriegeltes Lager mit einer vorgelagerten internen Fünf-Kilometerzone und die Einmauerung von West-Berlin Herr zu werden. Andererseits bildeten diese Fluchtbewegungen die dialektisch wirksame Gegenthese zur Behauptung, die DDR sei der Arbeiter- und Bauernstaat und eigentlich das bessere, antifaschistische Deutschland. Am Ende half 1989 die zweite große Flucht-Welle, das SED-Regime von außen in die Zange zu nehmen, fast so stark wie die friedliche Revolution im Inneren der DDR. Höhepunkte waren die mutige Öffnung der ungarischen Grenze („Deutschland, Deutschland über Ungarn“, so ein ungarischer Bonner Korrespondent) und die Ausreise der in die Prager Botschaft der Bundesrepublik geflohenen DDR-Bürger. Von beiden Ereignissen ist Hans-Dietrich Genscher nicht wegzudenken.

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