850 Jahre Brandenburger Dom : Der lange Weg zur Selbstbestimmung

Freiheit und Demokratie haben nur Bestand, wenn Menschen dafür streiten. Deshalb lobt das Domstift Brandenburg jetzt einen „Freiheitspreis“ aus. Ein Plädoyer.

Frank-Walter Steinmeier
Staat und Kirche: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD/r) betrachtet am 03.05.2015 in Brandenburg an der Havel in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Jubiläumskuratoriums mit Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) die Gründungsurkunde des Doms.
Staat und Kirche: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD/r) betrachtet am 03.05.2015 in Brandenburg an der Havel in...Foto: dpa

Am 11. Oktober vor 850 Jahren wurde der Grundstein des Domes zu Brandenburg gelegt. Bis heute ist er die Mutterkirche der Mark. Doch von früh an war der Dom zugleich ein politischer Ort. Otto der Große gründete das Bistum Brandenburg vor über tausend Jahren – gewiss nicht nur zur Verbreitung des christlichen Glaubens, sondern auch zur Sicherung seiner königlichen Macht in den neu eroberten Gebieten östlich der Elbe.

Otto sorgte auch für die materiellen Grundlagen des Bistums in Form des Kirchenzehnts, der – so belegt es die Gründungsurkunde – vorzugsweise in Form von Met und Bier zu zahlen war.

Vom Mittelalter bis zum Preußischen Königreich, von nationalsozialistischer Herrschaft bis zur DDR: Die Mauern des Domes können viel erzählen vom Verhältnis von Kirche und Staat, von Glaube und Macht. Doch wer den Blick zurückschweifen lässt über die Jahrhunderte, der spürt, dass ein zentraler politischer Wert eher Ausnahme denn Regel war in der bewegten Geschichte, die dieses Gotteshaus erlebt hat: die Freiheit. Die Freiheit – das Vertrauen in die Selbstbestimmung und in die Eigenverantwortung jedes einzelnen Menschen, das zutiefst im christlichen Glauben verankert ist – sie hat sich erst nach und nach ihre politische Geltung verschafft.

In der Geschichte des Doms hatte es die Freiheit schwer

Zwar haben Domstift, einzelne Bischöfe und Domherren immer wieder um Freiheit vor staatlichen Ein- und Übergriffen gerungen. Weithin sichtbar ging aber erst im Kerzenschein der Montagsgebete das Licht der Freiheit auf, von dem schon Paulus berichtet hatte: „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen.“

Nicht nur im Dom zu Brandenburg, sondern in ganz Deutschland erinnern wir 25 Jahre nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung an den Wert der Freiheit – und auch an ihre Gefährdungen.

So schwer es die Freiheit in der Domgeschichte hatte, so schwer hatte sie es in der deutschen Geschichte insgesamt. Es stimmt jedenfalls: Von Deutschlands politischen Errungenschaften ist die Freiheit die jüngste. Und deshalb dürfen wir sie auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung keinesfalls als Selbstverständlichkeit verstehen. Willy Brandt hat uns daran erinnert mit seinem großen Satz: „Nichts kommt von selbst und nur wenig ist von Dauer.“

Das Domstift zeichnet Personen aus, die sich in besonderer Weise für die Freiheit einsetzen

Freiheit wie Demokratie werden nur Bestand haben, wenn es Menschen gibt, die für sie streiten. Die Freiheit muss gelernt, ausgefüllt und – allzu oft – verteidigt werden. Denn die demokratisch verbürgte Freiheit vor Zwang und Fremdbestimmung ist zugleich immer auch eine Freiheit zu etwas: zum verantwortlichen Handeln, zum selbstbestimmten Leben. Auch deren Voraussetzungen müssen immer neu errungen werden: Zugang zu Bildung, Verfügbarkeit von Arbeit, Durchlässigkeit der Gesellschaft, Teilhabe am politischen Leben. Auf diese Freiheit hoffen nicht nur wir Deutsche, sondern alle, die in diesen Monaten vor Krieg und Gewalt nach Europa fliehen.

Als vor dreieinhalb Jahrhunderten zehntausende Hugenotten vor der Verfolgung aus Frankreich flohen, da gab ihnen der Große Kurfürst im Edikt von Potsdam nicht nur die Freiheit ihres Glaubens, sondern auch die materielle Grundlage, im Brandenburgischen ein neues Leben zu beginnen – zum großen Nutzen für die Region! Vielleicht weht uns da aus der langen Domgeschichte der Wind der Freiheit an, der uns heute neu die Segel füllen muss.

Wer zur Freiheit berufen ist, hat sie noch lange nicht gehört

Das Domstift Brandenburg lobt im 850. Jubiläumsjahr zur Auszeichnung derer, die sich in besonderer Weise für die Freiheit einsetzen, den „Brandenburger Freiheitspreis“ aus. Ich übernehme gern die Schirmherrschaft. Schließlich zeigt die lange Domgeschichte: Die Freiheit ist ein Wert, der immer schon und auch heute noch besonderer Pflege bedarf. Der Freiheitspreis ist nicht nur Auszeichnung, sondern Aufforderung. Denn wer zur Freiheit berufen ist, hat sie noch lange nicht gehört.

Der Autor ist Bundesaußenminister und Vorsitzender des Kuratoriums zum 850. Jubiläum des Doms. Für weitere Information zum Freiheitspreis: www.box.com/freiheitspreis.

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