Ägypten : Wie viel Freiheit verträgt der Islam?

Nach der Revolution in Ägypten steht die Frage im Raum, ob Islam und Freiheit dauerhaft miteinander können. Die Gelehrten an der Al-Azhar-Universität in Kairo spielen eine Schlüsselrolle, schreibt Alexander Goerlach in einem Gastkommentar für den Tagesspiegel.

Alexander Goerlach
Alexander Goerlach.
Alexander Goerlach.Foto: privat

Als ich im Jahr 2003 nach Kairo an die Al-Azhar-Universität kam, lag über dem Land schon eine bleierne Schwere. An der Fakultät „Islamwissenschaft in deutscher Sprache“ wurde viel über den Westen nachgedacht und darüber, wie man aus den abgefallenen Christen gute Muslime macht. Weniger wurde darüber nachgedacht, wie man aus gläubigen Ägyptern gute Bürger macht.

Solche Fragen waren nicht gewünscht: Die Gelehrten der Universität waren eng mit dem Regime Hosni Mubaraks verbunden. Auch wenn der oberste Gelehrte jener renommiertesten und ältesten Universität der islamischen Welt Mubarak Anfang Februar aufgefordert hat, von seinem Amt zurückzutreten, belegt dieser Schritt keineswegs eine schon lange bestehende Distanz zwischen der weltlichen und der geistlichen Kaste Ägyptens.

Die Ausstattung des Fachbereichs war spärlich; es gab viele Studierende, die sich, wenn sie träumten, einen Posten im fernen, reichen Deutschland wünschten – vielleicht als Imam in einer Moschee – oder aber, wenn sie realistisch waren, darauf hofften, sich nach ihrer Ausbildung in Ägypten als Reiseführer für deutsche Touristen verdingen zu können. Das wäre dann zwar nicht der große Wurf der Islamisierung des Westens, aber doch ein kleiner Dschihad: Im täglichen Umgang mit Touristen das wahre Wesen des Islam verbreiten.

Am Fachbereich wurde ein orthodoxer Islam gelehrt. Eine historisch-kritische Exegese des Koran war nicht zulässig. Wenn sich Ägypten jetzt reformiert, nährt das die Hoffnung, dass sich auch eine erstarrte Theologie verändert und von Ägypten auf die gesamte arabische Welt ausstrahlt – die Al Azhar hat aufgrund ihrer Geschichte eine enorme Prägekraft für die gesamte arabische Welt. Zur Erinnerung: Der Kairoer Theologe Nasr Hamid Abu Zaid wurde 1995 auf Betreiben der obersten Kleriker-Kaste von seiner Frau zwangsgeschieden und musste ins Exil, weil er den Koran kritisch interpretierte. Es ist nicht nur die Politik, die in dem Land am Nil repressiv war. Im Gegensatz dazu war die Revolution bisher säkular. Anders als im Iran vor zwei Jahren stand die Bevölkerung nicht auf den Dächern und rief „Allahu akbar“. Sicher wissen die Ägypter, dass die radikale Form des Islam das Potenzial hat, die Ideologie des Regimes Mubarak abzulösen. Die Ägypter sehen sich, was Frömmigkeit angeht, gerne so, wie sich die Bayern in Deutschland sehen: fromm und bodenständig. Für einen radikalen Islamismus gibt es deshalb in der Bevölkerung keine Mehrheit.

Umso wichtiger ist es nun, die Muslimbrüder einzubinden. Zu meiner Zeit in Ägypten konnte die Regierung, ohne diese Islamisten einzubinden, den inneren Frieden nicht gewährleisten – und das, obwohl die Muslimbrüder offiziell verboten sind. Diese Muster-Muslime haben in den vergangenen Jahren das aufgefangen und kanalisiert, was es abseits der von der Al-Azhar-Universität kontrollierten Moscheen im Land an religiös konnotierten Aufbegehren gegen das Regime gab: Die ägyptische Variante der Verquickung von Thron und Altar, für die Mubarak auch steht, hat Gläubige aus den Prachtmoscheen zum Gebet in Hinterhöfe, Garagen und auf Trottoirs getrieben. In Umfragen kommen sie auf 10 bis 30 Prozent der Wählerstimmen. Sie sind bestens organisiert und in der Lage, schnell Kampagnenkraft zu entwickeln. Wenn sie nicht Teil des Nationbuilding werden, wird ihre konziliante Haltung in Aggression gegen die neue Ordnung umschlagen.

Während meiner Studienzeit war es schick, im Zentrum der Stadt in ein bestimmtes Café zu gehen. Es hieß Hurriya – Freiheit. Es war der einzige Ort, so schien es, wo ein Lüftchen gegen die bleierne Lethargie wehte. Jetzt ist die Freiheit überall. Und die Frage steht im Raum: Können Islam und Freiheit dauerhaft miteinander? Das wird sich zeigen, nicht zuletzt an den Reformen, die jetzt an der Al-Azhar-Universität anstehen. Ihre Gelehrten wurden vom Lauf der Geschichte überrollt. Dass Muslime und Freiheit miteinander können, hat die Revolution in Ägypten belegt. Dafür braucht es keine Exegese.

Der Autor ist Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European.

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