Afghanistan : Krieg, Abzug und Moral

Wer Afghanistan verlässt, darf die Afghanen nicht verlassen. Deutschland hat die moralische Verpflichtung gegenüber denen, deren Existenz der Westen übersieht.

Kirk W. Johnson
Kirk W. Johnson
Kirk W. JohnsonFoto: privat

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Deutschen stark verunsichert sind über die Rolle ihrer Soldaten in Afghanistan. Keine Analyse kommt ohne den Hinweis aus, dass der Nation unwohl ist beim Einsatz der Bundeswehr in der Provinz Kundus. Das geht bis zur Frage, welchen Zweck die Armee dort erfüllt. Wie in Amerika herrscht ein Zustand der Verwirrung über einen weit entfernten Krieg, der von Zeit zu Zeit seine blutigen Krallen zeigt, meist aber reichlich abstrakt bleibt.

In dieser Gemengelage droht eine entscheidende moralische und menschliche Dimension dieses Krieges unterzugehen: die Not der vielen Afghanen, die sich an Deutschlands Seite gestellt haben – als Dolmetscher, Ingenieure oder in anderen Jobs. Solange ihr Schicksal ignoriert wird, gibt es keine gerechte Rolle Deutschlands in Afghanistan.

Deutschland ist engagiert in einer mehrschichtigen Strategie, die sowohl aktive Verteidigung, als auch die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte und die Umsetzung eines Entwicklungsprogramms umfasst, dessen Umfang gerade auf 430 Millionen Euro pro Jahr verdoppelt wurde. Derzeit durchkämmen zwei deutsche Bataillone von je 600 Mann jeden Distrikt der Provinz Kundus, um die Taliban auszuschalten oder zu vertreiben, so dass die afghanische Polizei die Kontrolle über die Gebiete übernehmen kann.

Keine Strategie der Deutschen indes funktioniert ohne die Hilfe eines ganzen Heeres afghanischer Angestellter. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, aber schätzungsweise hunderte, wenn nicht tausend oder mehr Afghanen arbeiten für die Deutschen. Im Nachbarland Irak mussten mehrere zehntausend Iraker ihr Leben lassen, weil sie mit der US-Armee kollaboriert hatten. Doch die US-Regierung verschließt davor die Augen. Es ist anzunehmen, dass die Bundesregierung bisher keine Pläne hat, wie ihre afghanischen Mitarbeiter vor den Taliban geschützt werden können, welche vorrangig Jagd auf Kollaborateure machen.

Der Westen, speziell die Europäer, wollen Afghanistan verlassen. Der jüngste Appell von US-General Petraeus, der 2000 zusätzliche Soldaten von Nato-Staaten forderte, verhallte ungehört. Eine überwältigende Mehrheit der Europäer ist für die Verringerung oder den kompletten Abzug ihrer Truppen. In Deutschland schwindet die Unterstützung rapide: Brandenburg weigert sich mittlerweile, bei der Ausbildung von afghanischen Polizisten mitzuwirken. Es wird nicht das letzte Bundesland sein, das nicht mehr mitmachen will.

Doch was immer Deutschland tut – ob es in Afghanistan bleibt oder geht: Es hat die moralische Verpflichtung gegenüber einer Gruppe von Menschen, deren Existenz der Westen in beschämender Weise übersieht. Die Veröffentlichung geheimer US-Dokumente durch die Internetplattform Wikileaks hat eine stürmische Debatte ausgelöst. Aber dabei ging es selten um die Ankündigung der Taliban, sie wollten die Dokumente sichten, um Namen von Afghanen zu finden, die mit den Nato-Truppen zusammenarbeiteten. Der Befehl des Taliban-Führers Mullah Omar, „alle afghanischen Frauen gefangen zu nehmen oder zu töten, die den Koalitionskräften helfen oder sie informieren“, wird ebenso übersehen.

Was sollte geschehen? Für die Afghanen, die von den Taliban bedroht sind, müssen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden. Jene, die nicht länger sicher in ihrem Land leben können, brauchen Visa, damit sie sich in Deutschland ansiedeln können. Wenn Deutschland dann eines Tages wirklich abzieht, darf es die Menschen, die im Dienst der Bundesrepublik ihr Leben riskiert haben, nicht sich selbst überlassen. Deutschlands Rolle in Afghanistan wird in den kommenden Jahren schrumpfen. Die moralischen Verpflichtungen wachsen jeden Tag.

Der Autor leitet ein Projekt zur Umsiedlung irakischer Alliierter. Zuvor war er Koordinator von USAID für den Wiederaufbau der irakischen Stadt Falludscha. Derzeit ist er Bosch-Fellow an der American Academy in Berlin. Übersetzt von Andrea Nüsse.

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