Aktuelle Hits : Alt ist, wer sich nicht mehr für Musik interessiert

Kann man an der eigenen Kenntnis über die aktuellen Charts ablesen, wie alt man ist? Matthias Kalle merkt, dass er zwar nicht mehr der jüngste - aber trotzdem ein Trendsetter ist.

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Autor Matthias Kalle. Foto: Promo
Autor Matthias Kalle.Foto: Promo

Am Montag saß ich mit dem Chefredakteur eines sehr erfolgreichen Magazins, das sich an eher jüngere Menschen wendet, in einem Café. Wir sprachen über dieses und über jenes – wir kennen uns nun schon seit über zehn Jahren – es war ein schönes, ein gutes Gespräch. Irgendwann fragte mich der Chefredakteur, ob ich eigentlich ein einziges Lied kenne, das in diesem Moment auf den ersten fünf Plätzen der Charts steht. Ich schaute den Mann an so wie ich wohl früher meine Chemielehrerin angeschaut habe, wenn die von mir wissen wollte... ja, was wollte die eigentlich damals wissen? Ich schaute jedenfalls, wusste, dass ich darüber nicht eine Sekunde nachdenken musste, und sagte: „Nein, ich habe keine Ahnung.“ Der Chefredakteur beugte sich über den Tisch und flüsterte: „Wir werden alt.“

Als ich zurück im Büro war, besorgte ich mir sofort die aktuellen deutschen Singlecharts. Gotye Feat. Kimbra sind auf Platz eins mit „Somebody That I Used To Know“ – nie gehört. Auf den zweiten Platz: Michel Telós', nun ja, wohl Hit „Ai Se Eu Te Pego“. Den dritten Platz kannte ich sogar, denn das war „Video Games“ von Lana Del Rey, darüber hatte ich an dieser Stelle schon vor Wochen geschrieben, ich alter Trendsetter.

Platz vier und Platz fünf waren mir dann wiederum gänzlich unbekannt. Ich dachte daran, dass ich immer davon überzeugt war, dass man dann alt ist, wenn man sich für Musik nicht mehr interessiert, wenn einem die Musik nichts mehr bedeutet – wenn einem Musik, neue Musik, irgendwie ganz schlimm egal geworden ist. Vor ein paar Wochen hatte ich mir eine CD gekauft, sogar zwei, zwei so genannte Box-Sets, zum einen die komplette Sammlung aller The-Smiths-Platten, zum anderen „Smile“ von den Beach Boys. Als „Smile“ ursprünglich einen sollte, 1967, war ich noch nicht auf der Welt, als The Smiths sich trennten, 1987, war ich 12 Jahre alt, wenn ich Auto fahre, höre ich entweder Klassik-Radio oder, eigentlich noch lieber, Deutschlandradio, aber vielleicht kaufe ich mir das neue Album von Leonard Cohen, es trägt den Titel „Old Ideas“.

Am Dienstag habe ich mit anderen Menschen über das Fernsehen gesprochen, wenn ich mir aussuchen müsste, ob ich ein Freund oder ein Feind des Fernsehens bin, dann würde ich immer sagen, ich bin ein Freund, denn das Fernsehen hat mir unter dem Strich eher schöne als schlimme Momente beschert, trotz allem. Das versuchte ich zu erklären, musste aber feststellen, dass die in der Runde, die unter 30 waren, überhaupt nicht kapierten, worüber ich redete. Fernsehen? Die schwarzen Dinger? Wo Sachen kommen, die sich an eine von Fremden festgelegte Abfolge richten müssen? Schienen die nur aus ihren Elternhäusern zu kennen, sie selbst schauten eher nicht Fernsehen, sondern Laptop. Youtube. Mediatheken. DVDs.

Und nun zum Wetter, denn es war die Woche der Kälte. Cooper. Angeblich ein „Hoch“, allerdings aus Sibirien. Dazu der Wind. Und ich denke, dass ich früher nicht so kälteempfindlich war, wie ich es heute bin, dass mit dem Alter auch die Wehleidig gekommen ist, denn ich friere, ich friere wirklich – so kenn ich mich gar nicht.

Cooper. Werbeheinis haben sich ja diesen Namen sichern lassen, denn für Geld kann man Hoch- und Tiefruckgebiete kaufen, Hochs bekommen immer männliche Namen, Tiefs immer weibliche, und das nächste Tief wird Minnie heißen, aber mich würde mal interessieren, ob der Autohersteller Mini der Agentur jetzt gekündigt hat wegen imageschädigendem Geschäftsverhalten.

Wir werden in diesem Jahr übrigens noch das Hoch Leonhard kennen lernen. Leonhard mit „h“. Das hat nicht mit Cohen zu tun, aber sehr viel mit Gars-Bahnhof, eine Stunde östlich von München, denn dort sitzt der Steuerberater, der es sich mal eine Patenschaft über ein Hochdruckgebiet gegönnt hat. Mein Alterswerk könnte übrigens gut den Titel „Schlechte Ideen“ tragen – aber wann beginnt man eigentlich mit seinem Alterswerk?

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