Autobiografien : Der Drang, das eigene Leben zu erzählen

In den Bestsellerlisten tauchen zur Zeit Autobiografien ganz oben auf. Die Bücher werden offensichtlich verkauft. Doch nur weil man ganz gut Tennis spielen oder Ski springen kann, heißt das nicht, dass man auch gut schreiben kann.

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Kann der Mensch – auch wenn es sich nicht um Boris Becker handelt – sein Leben nicht so überblicken, das da am Ende gute Literatur bei herauskommt?
Kann der Mensch – auch wenn es sich nicht um Boris Becker handelt – sein Leben nicht so überblicken, das da am Ende gute Literatur...Foto: dpa

Folgende Autobiografien tauchen im Moment in den diversen Bestsellerlisten ganz oben auf: „Das Leben ist kein Spiel“ von Boris Becker; „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben“ von Sven Hannawald und nicht von Boris Becker; „Ich bin Zlatan“ von Zlatan Ibrahimovic (wenn es von Boris Becker wäre, würde es ja wahrscheinlich heißen „Ich bin Boris“); „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki; „Mein zweites Leben“ von Christiane F.; „Autobiography“ von Morrissey. Der Drang, das eigene Leben zu erzählen, es einzuordnen, zu rechtfertigen, scheint ungebrochen groß. Die Bereitschaft der Menschen, diese Bücher auch mindestens zu kaufen ebenso. Ob diese Bücher auch gelesen werden? Das weiß man nicht.

Volker Ullrich über den Privatmensch Hitler

Ich lese gerade eine neue Biografie über Adolf Hitler, geschrieben von Volker Ullrich. Auch dieses Buch taucht in den Bestsellerlisten ganz oben auf, es ist der erste Band von zweien, es behandelt die Jahre 1889 bis 1939. Die Grundthese, die Ullrich zum Schreiben einer weiteren Hitler-Biografie bewogen hat, lautet ungefähr: Die meisten Biografen (unter anderem Joachim Fest und Ian Kershaw) sind davon ausgegangen, dass es einen „privaten“ Hitler nicht gab – ja, das Hitler alles Private ablehnte. Damit würde man aber, so Ullrich, auf eine Inszenierung Hitlers hereinfallen – sehr wohl habe der Mann auch ein Privatleben gehabt, laut Ullrich sei Hitler zum Beispiel ein Autonarr gewesen und habe sich im ersten Weltkrieg treusorgend um einen zugelaufenen Hund gekümmert.

Nun tauchen Kritiker auf, andere Historiker, die Ullrich in Teilen Schludrigkeit mit den Quellen vorwerfen – und es tauchen Stimmen auf, die behaupten, man dürfe aus einem Monster keinen Menschen machen – so als ob ein Hitler, der Hunde streichelt, seinen Schrecken verlieren würde. Vielleicht aber ist es auch umgekehrt: Vielleicht werden die Verbrechens Hitler noch monströser dadurch, dass da eben doch ein Mensch – und kein Monster – gewirkt hat. Man liest das Buch mit Gewinn, was auch an Ullrichs Stil liegt.

Mit großem Gewinn liest man übrigens auch die Camus-Biografie von Iris Radisch – und das ist natürlich auch der glücklich machende Ausgleich zu Hitler: die Beschäftigung mit dem großen Autor und Philosophen Albert Camus, dessen existentielle Begriffe Iris Radisch für die Kapitelüberschriften verwendet hat: die Mutter, der Sommer, der Schmerz, das Meer, das Elend, die Welt, die Ehre, die Menschen, die Erde, die Wüste.

Fehlt Autobiografien der Abstand?

Ullrichs und Radischs Biografien beweisen: Man muss die Menschen, über die man schreibt, kennen – man muss sich mit Sachverstand und Abstand an die Arbeit machen; dann wird daraus ein Vergnügen für die Leser und daraus ergibt sich dann auch die Frage: Warum sind Biografien in der Regel besser als Autobiografien? Liegt das tatsächlich an dem Abstand? Kann der Mensch – auch wenn es sich nicht um Boris Becker handelt – sein Leben nicht so überblicken, dass da am Ende gute Literatur bei herauskommt? Sind wir vielleicht alle unfähig dazu, unser Leben spannend zu erzählen, es einzuordnen und es vor allem auch zu verstehen? Oder aber sind die meisten Leben, von denen Menschen meinen erzählen zu müssen, schlichtweg zu langweilig?

Das wohl eher nicht – aber möglicherweise glauben tatsächlich einige, ihr Leben sei im Vergleich zu dem Leben eines vermeintlich Prominenten wenig spektakulär. Aber das ist ein Irrtum – viele Autobiografien beweisen das Gegenteil, sie zeugen von einer unfassbaren Leere, und zwar einer Leere im Leben und einer Leere in der Erkenntnis. Wenn man ganz gut Tennis oder Fußball spielt, dann heißt das ja noch nicht, dass man auch ganz gut schreiben kann.

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