Beitrag in Kopenhagen : Prinz Charles zum Klimagipfel: Wirtschaft, die Tochter der Natur

Der Klimawandel verlangt von uns eine andere geistige Grundhaltung. Was Prinz Charles, der umweltbewegte britische Thronfolger, bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen zu sagen hat.

Prinz Charles von Wales
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Prinz Charles beim Klimagipfel in Kopenhagen.Foto: AFP

Die Welt blickt diese Woche voller Erwartung nach Kopenhagen, in der Hoffnung auf entscheidende Fortschritte beim Klimagipfel. Es wird viele Stimmen geben, die vor den ernsten Gefahren eines rapiden Klimawandels warnen – und das mit gutem Grund. Wir sollten aber nicht nur die Gefahren sehen, sondern auch unsere Augen öffnen für die neuen Möglichkeiten, die ein ambitionierter Aktionsplan für die Wirtschaft, für eine verbesserte öffentliche Wohlfahrt und für die Entwicklung mit sich bringen könnte.

In dieser Hinsicht bin ich sehr beeindruckt von den Fortschritten, die sie hier in Deutschland gemacht haben, in ihren Programmen für mehr Energieeffizienz und einen raschen Ausbau der erneuerbaren Energien – und auch davon, wie sie das Potenzial für neue Technologien des 21. Jahrhunderts, zum Beispiel solarthermische Kraftwerke, erkannt haben. Die Tatsache, dass ihre CO2-Minderungspolitik neue Chancen für die Wirtschaft eröffnet und bereits zehntausende neuer Arbeitsplätze schafft, macht deutlich, warum wir die vor uns liegenden Herausforderungen beherzt anpacken sollten.

Ich hoffe wirklich, dass das Beispiel Deutschlands auch andere davon überzeugen wird, dass Maßnahmen zur Senkung der Emissionen die wirtschaftliche Entwicklung nicht etwa blockieren, sondern sogar noch voranbringen können. Wenn wir diese grundlegende Tatsache realisieren, wird uns das hoffentlich helfen, die gegenwärtige Problematik zu überwinden, dass wir allzu oft meinen, wir hätten nur die Wahl zwischen entweder wirtschaftlicher Entwicklung oder dem Schutz der lebenserhaltenden Systeme unseres fragilen Planeten.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass mit dem Nichtstun angesichts des Klimawandels auch große wirtschaftliche Risiken verbunden sind. Denn der Klimawandel ist gewissermaßen ein „Risikomultiplikator“, ein Faktor, der unsere Fähigkeit zu nachhaltiger Entwicklung und zur Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen unterminieren wird, wenn wir nicht jetzt handeln und die Emissionen reduzieren.

So ist zum Beispiel die Überwindung der Armut, die jedem Menschen die Chance gibt, anständig zu leben, schon jetzt eine enorm ambitionierte Aufgabe. Der rasche Klimawandel macht sie noch größer. In mehreren Studien wird aufgezeigt, in welcher Weise Klimaveränderungen die wirtschaftliche Entwicklung bedrohen, insbesondere in den ärmsten und schwächsten Ländern. Das wiederum wirkt sich nachteilig auf die Programme zur Armutsbekämpfung aus.

Die Lebensmittelversorgung ist schon jetzt gefährdet durch die Bodenerosion und die starken Schwankungen der Öl- und Gaspreise, die in der technisierten Landwirtschaft eine große Rolle spielen. Gleichzeitig steigt aufgrund des Bevölkerungswachstums und der sich verändernden Ernährungsgewohnheiten die Nachfrage. Der Klimawandel wird diese Kluft noch vergrößern. Nach einer Projektion des Umweltprogramms der Vereinten Nationen könnte die landwirtschaftliche Produktivität in vielen Entwicklungsländern bis 2080 um 50 Prozent zurückfallen – nicht zuletzt wegen des veränderten Niederschlagsverhaltens.

Vor diesem Hintergrund sehe ich die Notwendigkeit, anders an die Dinge heranzugehen. Zunächst einmal müssen wir die Welt sehen, wie sie wirklich ist, und vielleicht auch akzeptieren, dass die Wirtschaft eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Natur ist – und nicht umgekehrt. Letzten Endes ist die Natur das Kapital, das dem Kapitalismus zugrunde liegt. Ein gutes Beispiel hierfür sind die tropischen Regenwälder.

Diese gewaltigen Ökosysteme beherbergen mehr als die Hälfte der terrestrischen Biodiversität der Erde, ohne die – ob uns das gefällt oder nicht – der Mensch nicht leben kann. Sie produzieren Regen, sind der Lebensraum vieler indigener Völker und tragen zur Befriedigung der Bedürfnisse von Hunderten von Millionen von Menschen bei. Außerdem binden sie riesige Mengen von Kohlendioxid. Aber sie werden gerodet und verbrannt, mit einer Rate von sechs Millionen Hektar jährlich. Dies forciert nicht nur das massenweise Aussterben von Arten, in denen der Schlüssel zur Behandlung menschlicher Krankheiten oder für neue, die Natur nachahmende Technologien liegen könnte, sondern verursacht auch ein Fünftel aller Treibhausgasemissionen.

Deshalb hat mein Regenwaldprojekt in den beiden letzten Jahren so viel Mühe darauf verwandt, einen Konsens über eine verstärkte internationale Zusammenarbeit zuwege zu bringen, mit der die Entwaldung aufgehalten werden soll. Im April konnte ich am Rande des G-20-Gipfels im St. James’ Palace in London eine Konferenz von Spitzenpolitikern, darunter auch Frau Merkel, einberufen. Dabei wurde die Bildung einer informellen Arbeitsgruppe vereinbart, die sich Gedanken über eine möglichst schnelle Verringerung der Abholzungsrate machen soll. Die Gruppe hat vor wenigen Wochen Empfehlungen unterbreitet, und es ist ausgesprochen ermutigend zu sehen, dass sich eine Partnerschaft aus Staaten, Umweltgruppen und Unternehmen gebildet hat, die bei der Umsetzung der Vorschläge für die Bekämpfung der wirtschaftlichen Ursachen der Entwaldung entschlossen zusammenarbeiten will.

Wenn wir die Regenwaldnationen für positive Leistungen zur Reduzierung der Entwaldung (oder dafür, dass sie gar nicht erst mit dem Abholzen anfangen) finanziell belohnen, geben wir ihnen die Möglichkeit, nachhaltige Entwicklungsstrategien rascher umzusetzen und weniger abhängig zu sein von wirtschaftlichen Aktivitäten, die Entwaldung zur Folge haben. Wenn wir hierfür zusätzlich zu öffentlichen Mitteln auch innovative langfristige Investitionsinstrumente einsetzen würden, vielleicht mit Unterstützung der multilateralen Entwicklungsbanken, könnten riesige bereits degradierte Flächen rehabilitiert und die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden. Gleichzeitig stünde damit Geld für neue Gesundheits- und Bildungsprogramme und für wirklich integrierte Modelle ländlicher Entwicklung zur Verfügung. Im Gegenzug würde die Welt damit lebenswichtige Ökosystemdienstleistungen erhalten, von denen unser aller geistiges, physisches und wirtschaftliches Überleben abhängt.

Die Idee, dass die Welt einen Preis für die von den Regenwäldern erbrachten zentralen Versorgungsleistungen zahlen sollte (schließlich zahlen wir ja auch für Wasser, Gas und Strom), ist nicht neu. Aber es scheint endlich Einvernehmen zu geben, dass uns dies die Möglichkeit gibt, die Emissionen schnell zu verringern und im Kampf gegen einen katastrophalen Klimawandel Zeit zu gewinnen.

So sehr Initiativen wie diese Teil einer Lösung sein müssen, so wenig sind sie bereits die ganze Antwort. Da wir uns zunehmend von der Natur entfernen und uns zur Lösung unserer Probleme immer mehr auf unseren technologischen Einfallsreichtum verlassen, erkennen wir das eigentliche Dilemma nicht mehr: dass wir das Gleichgewicht empfindlich gestört haben, dass wir jedes Gefühl für die Harmonie mit den natürlichen Rhythmen der Erde, ihren Kreisläufen und endlichen Systemen, verloren haben. Die Tatsache, dass wir die Wirtschaft im Allgemeinen als getrennt von der Natur betrachten, ist nur ein, wenn auch ein ziemlich gravierendes Symptom für diese Störung des Gleichgewichts.

Darin, dass wir uns erneut an die Natur ankoppeln und unsere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme wieder in Einklang mit ihren Kapazitäten bringen, sehe ich die eigentliche Herausforderung, die wir meistern müssen. Ich habe die Hoffnung, dass der Gipfel in Kopenhagen auch zu einem Umdenken auf dieser tieferen Ebene beiträgt. Gleichzeitig soll er natürlich den Plan für eine klimafreundliche Umstrukturierung der Wirtschaft vorgeben, der sich auf offizielle Ziele, Maßnahmen und Technologien stützt. Hieran mangelt es der Welt derzeit nicht – was jedoch fehlt, ist eine dieser Situation angemessene geistige Grundhaltung.

Die Zeit arbeitet nicht für uns. Aber die Fähigkeit, auf der Suche nach Lösungen zu kooperieren und innovativ zu sein, ist uns offenbar erhalten geblieben. Wir haben schon früher vor riesigen Herausforderungen gestanden und sie gemeistert. Diesmal scheint die Herausforderung größer als je zuvor, aber ich hoffe von ganzem Herzen, dass es uns gelingt, diese besonderen Fähigkeiten des Menschen in vollem Umfang auszuschöpfen. Das ist das Allermindeste, was wir für zukünftige Generationen tun können.

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