BER, Tempelhofer Freiheit und Co. : Weniger ist mehr - vor allem in Berlin

Konsumverzicht liegt voll im Trend. Ständig schreibt irgendwer über die Erfahrung, sein eigenes Kaufverhalten herunterzuschrauben. Berlins Großprojekte zeigen: In der Hauptstadt wird dieses Konzept schon lange gelebt.

Alexander Marguier
Bloß keine Wohnungen bauen. Auf dem Hochsitz übers Tempelhofer Feld gucken ist doch viel schöner.
Bloß keine Wohnungen bauen. Auf dem Hochsitz übers Tempelhofer Feld gucken ist doch viel schöner.Foto: dpa

Wenn ich das richtig sehe, ist das Thema Konsumverzicht gerade schwer angesagt. Jeder zweite Sozialwissenschaftler, der etwas auf sich hält, scheint in letzter Zeit ein Buch darüber geschrieben zu haben, wie man sein Kaufverhalten downsizen sollte, um den Planeten zu retten – oder um wenigstens ein erfüllteres Leben zu führen. Eine Journalistin namens Greta Taubert hat sich sogar ein ganzes Jahr lang aus Abfallcontainern ernährt und darüber ein Werk mit dem leicht alarmistischen Titel „Apokalypse jetzt!“ verfasst – es ist übrigens ein Verkaufserfolg, wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt noch sagen darf.

Und der Spiegel versucht in dieser Woche seine Auflage mit dem Cover-Sinnspruch „Weniger haben, glücklicher leben“ zu steigern, ein eindeutiges Indiz dafür, dass der „Less is more“-Lifestyle endgültig im Mainstream angekommen ist. Allerdings erwecken die Spiegel-Kollegen den Eindruck, als fremdelten sie noch ein wenig mit der Vorstellung, ihren Jahresurlaub künftig radelnd an der Ostsee verbringen zu müssen anstatt in der Karibik oder am Mittelmeer. Denn so richtig begeistert klingt ihre Reportage über endzeitliche Restmüllverwerter und engagierte Naturköstler irgendwie nicht. Hat vielleicht auch nur etwas mit den Anzeigenkunden zu tun, aber egal.

Keine bloße Predigt

Mich hingegen kann so schnell gar nichts erschrecken, denn ich lebe in Berlin – einer Stadt, die im Gegensatz zu Hamburg schon seit vielen Jahren von dem lebt, was bei anderen sonst nur ungenutzt liegen bleiben würde (Stichwort: Länderfinanzausgleich). Wo ein Regierender Bürgermeister „Arm, aber sexy“ als Lebensmotto fürs eigene Gemeinwesen ausgibt, da wird Konsumverzicht eben nicht nur gepredigt, sondern auch wirklich praktiziert. Zum Beispiel am neuen Flughafen, der inzwischen nicht mehr zwei, sondern acht Milliarden Euro kosten wird, dafür aber nach Expertenmeinung am besten gleich wieder abgerissen werden sollte.

Diese Methode erscheint auf den ersten Blick zwar etwas eigenwillig zu sein, jedoch hat sie unter dem Aspekt des Konsumverzichts durchaus ihren Reiz. Denn wo so viel Geld verbrannt wird, kann es ja auch nicht mehr anderweitig verfrühstückt werden. Der im Spiegel zitierte Wachstumskritiker Niko Paech plädiert ohnehin dafür, drei von vier Flughäfen zu schließen. Bliebe dann nur die Frage, ob in Berlin doch noch Tegel oder lieber Schönefeld dichtgemacht wird; die Airports Tempelhof und BER sind ja bereits erfolgreich außer Betrieb gestellt.

Haupstadtromantiker gegen Bebauung

Um aber erst gar nicht irgendwelche Begehrlichkeiten aufkommen zu lassen: Das Rollfeld des neuen Hauptstadtflughafens darf auf keinen Fall für andere Zwecke genutzt werden als für gemütliche Lagerfeuerabende, Fahrradexkursionen oder für Ausflüge mit Kind beziehungsweise Hund. Eine geplante Randbebauung wie am ehemaligen Airport Tempelhof wäre absolut kontraproduktiv und konsumverzichtstheoretisch das völlig falsche Signal. Urbane Freiflächen müssen frei von Verwertungsdruck bleiben, zumindest in Berlin.

Da haben die Hauptstadt-Grünen mit ihrer jüngst beschlossenen Ablehnung jeglichen Wohnungsbaus am Tempelhofer Feld einfach das bessere Gespür für den Geist der Zeit. Der grünen Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann ist es denn auch zu verdanken, dass im Vorzeige-Kiez Kreuzberg-Friedrichshain das erste Wohnprojekt entstanden ist, welches vollständig den Maßstäben konsumkritischer Bricolage-Apologeten entsprechen dürfte: die Bretterbudensiedlung mitten auf dem Oranienplatz, Deutschlands erste Favela. Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!

Alexander Marguier ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Seinen Kommentar veröffentlichen wir in Kooperation mit Cicero Online.

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