Brasilien : Wie Überwachungsfanatiker die Fußball-WM nutzen

In wenigen Wochen beginnt die Fußball-WM in Brasilien. Unser Gastautor hält die Veranstaltung für nahezu perfekt, um Grundrechte einzuschränken und mit Anti-Terror-Gesetzen die Bevölkerung zu kriminalisieren.

Alexander Marguier
Joseph Blatter (li.) mag keine Spielverderber.
Joseph Blatter (li.) mag keine Spielverderber.Foto: Reuters

Es gibt viele Gründe, sich auf den bevorstehenden Sommer zu freuen – die Fußball-Weltmeisterschaft gehört eher nicht dazu. Wer so etwas sagt, muss natürlich damit rechnen, als miesepetriger Spielverderber hingestellt zu werden, der den anderen die Freude am Sport nehmen will. Und in dieser Rolle fühlt man sich ungefähr so sexy wie als erziehungsberechtigter Teenie-Vater auf einem Justin-Bieber-Konzert. Das ist ja auch der Trick dabei.

In Wahrheit verhält sich die Sache genau umgekehrt: Die tatsächlichen Spielverderber, das sind nicht die Kritiker sportlicher Megaevents wie der in wenigen Wochen beginnenden WM in Brasilien. Sondern die dahinter stehenden Verbände in Zusammenarbeit mit den Regierungen der austragenden Länder. Sie verderben den Sport längst nicht mehr nur aus schierer Profitgier und Ruhmessucht, sondern weil sie ihn zunehmend dazu missbrauchen, die Freiheit der Bevölkerung einzuschränken.

Fifa-System schränkt Freiheit ein

So langsam jedoch scheint das korrumpierende Fifa-System mit seinen Erfüllungsgehilfen in der Politik an Grenzen zu stoßen. Im Fall von Brasilen zeigt sich jetzt nämlich recht deutlich, dass dessen Einwohner zwar fußballverrückt sein mögen, deswegen aber noch lange nicht ihren Verstand verloren haben. Es spricht ja Bände, wenn etwa der Chef des brasilianischen Werbeunternehmens „Grupo ABC“ seine aufmuckenden Landsleute in ganzseitigen Anzeigen und entwaffnender Offenheit dazu aufruft, sämtliche Probleme zu ignorieren, um sich von jetzt an nur noch der blinden Leidenschaft für den Fußball hinzugeben. Das entspricht der Umkehrung des Prinzips der Aufklärung nach dem Motto: Habe den Mut, dich deiner eigenen Blödheit zu bedienen. Auf diese Idee muss man erstmal kommen.

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Nein, die Volksverdummung funktioniert nicht einmal mehr, wenn das berühmte runde Leder im Spiel ist – und auf Zuruf schon gleich gar nicht. Dabei hätte alles so schön sein können: Die Habenichtse in den Favelas werden mit dem luftigen Versprechen auf einen weltmeisterschaftsbedingten Wirtschaftsaufschwung und ein paar nette Partien in den Stadien ihrer Heimatstädte bei Laune gehalten, deren Besuch sie sich ohnehin nicht leisten können.

Am Ende erhält der Steuerzahler die Rechnung

Die Fifa streicht Rekordeinnahmen in Höhe von fünf Milliarden Dollar ein (selbstverständlich steuerfrei). Die örtliche Bauindustrie verdient sich eine goldene Nase, die Politiker glänzen im Scheinwerferlicht. Und am Ende bekommt der Steuerzahler die Rechnung für die ganze Party präsentiert. Klingt prima, oder? Hat doch bisher auch immer gut geklappt.

Die eigentliche Perfidie an der Vorgehensweise von Organisationen wie dem Fußball-Weltverband oder dem Internationalen Olympischen Komitee besteht darin, dass sich die Empörung der Bevölkerung über das Ausplündern ihrer Steuerkassen noch dazu politisch vergolden lässt. Das war bereits vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi so – und zeigt sich am Beispiel Brasiliens abermals überdeutlich. Um zu verhindern, dass es während der Weltmeisterschaft zu Protesten kommt, wird nun ein sogenanntes Anti-Terror-Gesetz verabschiedet, das die Teilnahme an Demonstrationen einem terroristischen Akt gleichsetzt, bei dem Gefängnisstrafen von bis zu dreißig Jahren drohen.

Das ist wirklich der feuchte Traum jener Art von Sicherheitspolitikern, die der Überzeugung sind, die beste Medizin gegen soziale Probleme sei eine ordentliche Dosis Repression. Oder eine möglichst vollumfängliche Überwachung: Jeweils umgerechnet 200 Millionen Euro haben die Kontrollzentren in den zwölf brasilianischen WM-Städten gekostet, mit denen die Sicherheit während der Spiele gewährleistet werden soll. Wenn die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele 2016 in Rio erst einmal vorbei sind, bleibt garantiert auch weiterhin alles unter Kontrolle. War ja schließlich teuer genug.

Fifa spricht weiter von der "größten Party der Welt"

Nach den jüngsten Ausschreitungen in Copacabana sagte der Fifa-Marketingdirektor Thierry Weil, seine Organisation rechne trotz der Proteste noch immer mit der „größten Party der Welt“. Man glaube „weiter fest an das Land, die Städte, die Regierungen und ihr Sicherheitskonzept“. Nur die Bevölkerung scheint der Sportfunktionär irgendwie vergessen zu haben – sie ist wahrscheinlich unter der Rubrik „Sicherheitskonzept“ bereits mitabgeheftet.

Apropos Sicherheit: Um auf mögliche „Anti-Terror-Einsätze“ während der WM vorbereitet zu sein, haben brasilianische Polizisten an einer dreiwöchigen Ausbildung in North Carolina teilgenommen, genauer gesagt beim privaten Militärunternehmen Academi. Das hieß vor einigen Jahren noch Blackwater und hat bereits während des US-Einsatzes im Irak für „Sicherheit“ gesorgt (gelegentliche Kollateralschäden inklusive). Klingt nach dem idealen Rahmenprogramm für die größte Party der Welt.

Alexander Marguier ist stellvertrender Chefredakteur des Cicero.

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