Broder über Rüttgers : Das Unmenschliche im Heute

Bund und Länder stecken Millionen in die Gedenkstätte Auschwitz, Jürgen Rüttgers findet warme Worte dazu. Henryk M. Broder erinnert an sehr heutige Tatsachen jenseits der Gedenkfeier-Reden.

Henryk M. Broder
Henryk Broder
Henryk M. Broder, "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel.Foto: privat

60 Millionen Euro werden der Bund und die Länder in den kommenden fünf Jahren für den Erhalt und die Pflege des ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau zur Verfügung stellen. „Wer die Zukunft Europas und der Welt friedlich und im respektvollen, toleranten Miteinander gestalten will, der muss um das Vergangene wissen. Wer das Morgen menschlich machen möchte, muss um das Unmenschliche im Gestern wissen“, sagt der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers.

Die Sorge um das “Unmenschliche im Gestern” geht so weit, dass Auschwitz inzwischen mehrmals runderneuert wurde. Es gibt praktisch kein Teil mehr, das nicht ausgetauscht wurde. Auch der Stacheldraht ist “Made in Poland”, das Original längst korrodiert. Vermutlich wurde in den Erhalt des NS-Themenparks neben der Kleinstadt Oswiecim mehr Geld investiert als der Bau des Lagers ursprünglich gekostet hat.

Derweil vegetieren in Polen noch einige Tausend ehemalige Zwangsarbeiter in erbärmlichen Verhältnissen, die durch alle “Entschädigungsregelungen” gefallen sind und für die sich keiner zuständig fühlt. Weder die polnische noch die deutsche Regierung und auch nicht die Vertreter der jüdischen Organisationen, die bei jeder Holo-Gedenkfeier in der ersten Reihe sitzen.

60 Millionen Euro sind weniger als ein Prozent des Umsatzes, den deutsche Firmen bei Geschäften mit dem Iran machen. Im Iran wird an der Fortsetzung der Endlösung der Judenfrage gearbeitet. Auf ihre Weise versuchen die Mullahs, “die Zukunft Europas und der Welt friedlich und im respektvollen, toleranten Miteinander” zu gestalten, indem sie den Nahen Osten so von der jüdischen Plage befreien, wie es die Nazis früher mit Europa vorhatten. Schon übermorgen könnten deutsche Politiker wieder Anlass haben, an das “Unmenschliche im Gestern” zu erinnern, nachdem ihnen das “Unmenschliche im Heute” am Arsch vorbeigegangen ist.

Der Autor ist "Spiegel"-Reporter, Blogger und regelmäßiger Gastkommentator beim Tagesspiegel. Mit anderen Autoren betreibt er das Online-Tagebuch "Die Achse des Guten".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben