Debatte um Homophobie : Wer das Adoptionsrecht will, muss nicht zu Techno tanzen

Schwule und Lesben dürfen es sich in der Gleichstellungsdebatte nicht zu leicht machen. Sie sollten klar machen, dass es nicht nur um ihre eigenen Rechte geht - und zum Beispiel auch ernst nehmen, dass sich manche Menschen bei der Öffnung des Adoptionsrechts unwohl fühlen.

Tobias Leipprand
Spätestens seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger gibt es eine neue Debatte über den Umgang mit sexueller Vielfalt in Deutschland.
Spätestens seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger gibt es eine neue Debatte über den Umgang mit sexueller Vielfalt in...Foto: dpa-pa

Anlässlich des Coming-Outs von Ex-Nationalspieler Hitzlsperger skizziert Jasper von Altenbockum von der FAZ die „Schwulen- und Lesbenlobby“ als tanzende, hüftschwingende Musical-Meute, deren Ziel es sei, heterosexuelle Menschen an den Rand der Gesellschaft zu drängen: „Es sollte in Deutschland nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ,Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so. In der F.A.S. knöpft sich Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm das Verfassungsgericht vor, welches in einer „launische[n] Wechselhaftigkeit dessen, was gerade ‚in‘ ist“ die Rechte eingetragener Partnerschaften zum Leid von Kindern stärke. Wolfgang Bok beschwert sich im Cicero: „Über Schwaben, Sachsen oder Ostfriesen darf man hässliche Witze machen. Aber über Schwule?“ Und im Tagesspiegel beschwert sich Gerhard Beestermöller über die  „inquisitorische Jagd auf jeden, der sich auch nur traut, die Frage aufzuwerfen, ob Homosexualität gegenüber der gegengeschlechtlichen Sexualität vielleicht defizitär“ sei.

Das sollen führende kritische Stimmen der Debatte sein? Mit Verlaub, das ist jämmerlich. Die Argumente sind derart trostlos und hilflos, dass es sich gar nicht lohnt, sie zu entkräften. Blüm, Bok, Beestermüller und von Altenbockum wirken wie ewig-gestrige, eingeschnappte ältere Herren, die sich im 21. Jahrhundert nicht mehr zu Hause fühlen, sind Artefakte aus vergangenen Zeiten. Das zeigt auch die breite Masse an Leserkommentaren auf den jeweiligen Seiten.

Deutschland braucht eine informierte, gerne auch kontroverse, Debatte über den Status von Minderheiten in unserer Gesellschaft. Das Thema ist kein leichtes, davon kann die USA ein Lied singen. Voran kommt man dabei immer dann, wenn man die Dinge differenziert betrachtet, anstatt zu verkürzen und Ressentiments zu schüren. Da die Kritiker dazu offenbar nicht in der Lage sind, hier etwas Nachhilfe.

Zuallererst: das Leid zu unterschätzen oder beiseite zu wischen, das Angehörige von Minderheiten in einer nicht immer toleranten Mehrheitsgesellschaft erleben, ist fahrlässig und zeugt von maximaler Ignoranz. Was zählt ist das Erlebte, und darüber kann man nur erfahren, wenn man mit den Betroffenen spricht. „Liebe türkischstämmige Deutsche, jetzt kriegen Eure Kinder doch den Doppelpass, da gebt doch mal Ruhe und stört uns nicht mit Euren Islam-Themen“ wäre genauso daneben wie ein Aberkennen des kollektiven Traumas der Gruppe der Vertriebenen, egal wie kritisch man etwa zum Bund der Vertriebenen steht. Fast jeder Schwule und jede Lesbe, sicher jede trans- oder intersexuelle Person hat schon Diskriminierung erlebt und weiß, wie sehr das am Selbstwertgefühl nagt.

Tobias Leipprand ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Thinktanks LEAD.
Tobias Leipprand ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Thinktanks LEAD.Foto: promo

Herr Bok, „hässliche“ Witze sollten Sie ohnehin nicht reißen. Bringen sie alle Beteiligten zum Lachen. Es ist Ihre Aufgabe zu wissen, wann das der Fall ist. Ein Tipp: Wenn 2013 im Berliner Prenzlauer Berg „Schwaben raus!“ an Geschäfte gesprüht wird, dann empfiehlt sich auch bei Schwabenwitzen Zurückhaltung.

Trotzdem muss Kritik an Aspekten von Minderheitenbewegungen – auch der der Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) – erlaubt sein. Hier exemplarisch drei Ansatzpunkte für differenzierte Kritik:

Zunächst die Egoismus-Frage: Achten Schwule und Lesben auch auf andere Minderheiten, oder geht es uns nur um unsere eigenen Rechte? Laut Arnold Mindell, dem US-amerikanischen Begründer der prozessorientierten Psychologie, hat jede Gruppe ihren Status in der Gesellschaft. In den USA zum Beispiel gelten Asiaten als eher fleißig, mathematisch begabt und unternehmerisch. Während Schwarzen und Latinos das Vorurteil anhaftet, sie seien öfter kriminell, was sich etwa in gezielten Polizeikontrollen, dem sogenannten „Racial Profiling“ zeigt.

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