Demographie und Arbeitsmarkt : Unternehmer bauen auf ältere Arbeitnehmer

Unternehmen übernehmen in einer alternden Gesellschaft viel Verantwortung. Wirtschaftliches und gesellschaftliches Engagement sind dabei kein Gegensatz. Ein Gastkommentar

Tina Weber
Über 50-Jährige werden in Finsterwalde für ihren neuen Arbeitsplatz in der "Fabrik für Ältere" ausgebildet.
In einer Werkhalle der Entwicklungsgesellschaft Energiepark Lausitz GmbH (EEpL) im südbrandenburgischen Finsterwalde werden über...Foto: dpa

Denkt man an gesellschaftliche Verantwortung, fallen einem oft die sogenannten "Gut-Menschen" ein, die sich für die Rechte von Kindern, Tieren und Bio-Kleinbauern einsetzen. Wie einst David treten sie einem gewaltigen Goliath, bestehend aus Globalisierung, multinationalen Konzernen und Klimawandel entgegen. In den Medien wird "der Unternehmer" gemeinhin in die Goliath-Ecke gestellt. Doch dieses Schwarz-Weiß-Denken ist falsch. Im Gegenteil: Unternehmer übernehmen auf vielfältige Art und Weise gesellschaftliche Verantwortung, setzen sich für ihre Mitarbeiter ein und fördern die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Region.

Das Bild des profithungrigen Anzugträgers mag auf einige Manager zutreffen – jedoch vernachlässigt es die Mehrheit an anders denkenden Unternehmerpersönlichkeiten. Geschäftsführer wie der Gründer von Lebensbaum, Ulrich Walter zum Beispiel. Seinen kleinen Bioladen hat er zu einem mittelständischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 40 Millionen Euro ausgebaut. Trotzdem produziert er Tees, Kräuter und Kaffee ausschließlich bio, transparent und fair.

In den kommenden Jahren wird sich die Erwerbstätigenzahl und -struktur in Deutschland aufgrund des demografischen Wandels grundlegend verändern. Die gesellschaftlichen Herausforderungen, die sich durch alternde Belegschaften und längere Arbeitsbelastungen ergeben, können weder Politik, Zivilgesellschaft oder Wirtschaft alleine meistern. Sozialer Zusammenhalt, gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftlicher Wohlstand sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Unternehmen leisten hier einen großen Beitrag. Insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen ist es wichtig und Teil des unternehmerischen Selbstverständnisses die (Anzug)Ärmel hochzukrempeln und dort mit anzupacken, wo unsere Gesellschaft vor Herausforderungen steht. Als "Corporate Citizen" und gute Bürger haben Unternehmen ein ehrliches Interesse und auch die Legitimation, die Gesellschaft im Sinne des Gemeinwohls mitzugestalten.

Kleine und mittelständische Unternehmen schließen sich für Projekte zusammen

Viele insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, die sich aus ihrem Selbstverständnis heraus für ihre Region engagieren, erzielen mit ihrem Engagement eine positive Wirkung für die Gesellschaft - auch im Hinblick auf den demografischen Wandel. Sie schaffen altersgerechte Arbeitsplätze und Arbeitszeitmodelle, bauen das betriebliche Gesundheitsmanagement aus, bieten Programme zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege und fördern den generationenübergreifenden Wissensaustausch ihrer Beschäftigten.

Ein klassisches Beispiel sind so genannte Reverse-Mentorings in denen ältere Mitarbeiter ihre Erfahrung an die jungen weitergeben und diese ihnen erklären wie Smartphone, Apps und Facebook funktionieren. Neben der altersgerechten Arbeitsplatzgestaltung bieten viele Unternehmen zudem Unterstützungsangebote für den Übergang in die nachberufliche Phase. Wenn Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden, bedeutet das für viele den Verlust von persönlicher Anerkennung, einem strukturiertem Tagesablauf und kollegialen Netzwerken. Das Bedürfnis gebraucht zu werden kann in der nachberuflichen Phase durch ehrenamtliches Engagement, Mentoren-Programme oder Senior Expert Services aufgefangen werden, durch die wertvolle Erfahrung weiter eingebracht werden kann.

Oftmals schließen sich Unternehmen aus einer Region dafür zusammen. Ein Beispiel sind die Verantwortungspartner-Projekte, die von der Bertelsmann Stiftung geleitet und durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert werden: Um ältere Arbeitnehmer und "reife Talente" zu fördern, vernetzen sich die Unternehmer vor Ort mit anderen regionalen Akteuren als sogenannte Verantwortunspartner für die Region, bilden Arbeitsgruppen und stoßen konkrete Projekte an.

Wirtschaftliches und gesellschaftliches Engagement ergänzen sich

Im Verantwortungspartner Projekt "Lipper sind fitter" setzen sich Unternehmen aus der Region Ostwestfalen-Lippe damit auseinander, wie Arbeitnehmer auch im fortgeschrittenen Alter motiviert und produktiv bleiben, suchen gute Praxisbeispiele und transferieren diese in andere Unternehmen. Seit 2009 engagieren sich mehr als 70 lippische Unternehmen, Institutionen und Privatleute als Verantwortungspartner für die Region zwischen Weser und Teutoburger Wald, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Auch in Hannover widmet man sich den Auswirkungen des demografischen Wandels. Unter dem Motto "Die Arbeitswelt von morgen" gehen die dortigen Verantwortungspartner davon aus, dass die Bewältigung des Fachkräftemangels sowie die zukunftsfähige Gestaltung von Arbeitsplätzen Herausforderungen sind, die sich auch und gerade an Unternehmer richten. Zusammen mit mehr als 30 Unternehmen aus der Region wurden drei innovative Projekte in den Themenfeldern Fachkräfte finden, Fachkräfte binden und stille Reserven aktivieren entwickelt. Sie bieten praktische, betriebsnahe Arbeitshilfen für die Unternehmen vor Ort, wie ein vierstufiges Analysetool zur Gestaltung zukunftsfähiger Arbeitsplätze.

Tina Weber, Leiterin der Geschäftsstelle Unternehmen für die Region e. V..
Tina Weber leitet die Geschäftsstelle Unternehmen für die Region e. V. in Berlin. Der gemeinnützige Verein macht unternehmerisches...Foto: promo

In Trier haben die Verantwortungspartner einen praxisorientierten Leitfaden zur Planung eines Gesundheitstags entworfen, der Mitarbeiter und Führungskräfte durch Workshops, Schnupperkurse oder medizinische Checks zum Thema Gesundheit informiert und berät.
Dies sind einige Beispiele von vielen. Wirtschaftliches und gesellschaftliches Engagement ist kein Gegensatz, sondern schafft gegenseitigen Nutzen – für Unternehmer und Gesellschaft und stärkt die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit in der Region.
Der demografische Wandel erfordert ein Umdenken, das "reifen Talenten" die Möglichkeit eröffnet, sich sinnvoll und altersentsprechend im Unternehmen und der Gesellschaft einzubringen. Die Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist dabei das Modell der Zukunft. Wenn wir Unternehmen nicht einbinden und ihr Engagement wertschätzen, geht uns als Gesellschaft Potential verloren. Um Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. Um regionale Entwicklung zu fördern. Und um gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen wie dem demografischen Wandel zu begegnen.

Tina Weber nimmt teil am Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Demographie am 21. November in Bonn. Tagesspiegel.de veröffentlicht diesen Beitrag im Rahmen einer Demographie-Diskussion in Kooperation mit der KAS.

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