Demographie und Demokratie : Das Ehrenamt muss professionalisiert werden

Statt sich über mangelnden Nachwuchs zu beklagen, sollten sich Parteien und Unternehmen lieber den Veränderungen anpassen. Denn die Menschen wollen sich engagieren. Ein Gastkommentar zum Ehrenamt 2.0.

Simone Stein-Lücke
Ehrenamtliche Mitarbeiter halten ein Plakat im Stadion des SC Freiburg.
Ein großes Dankeschön: Ehrenamtliche Mitarbeiter halten das Plakat im Stadion des SC Freiburg hoch.Foto: dpa

Welche Strukturen sind notwendig, um auch in Zukunft für Engagement zu motivieren? Dies fragen sich Institutionen wie Parteien, Vereine oder Unternehmen gleichermaßen. Ihnen allen fehlt der Nachwuchs – aktive junge Menschen, die sich engagieren und so einen entscheidenden Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft leisten. Denn die lebt auch vom Gemeinwohl.

Mit dem demografischen Wandel und dem Wandel der Lebenswelten verändert sich auch das Engagement. Was wir erleben, ist ein dramatischer Wechsel – weg vom "long-run"-Ehrenamt, hin zum "Short-Timer". Heute nehmen viele Menschen mittleren und höheren Alters ein Ehrenamt wahr, das sie zuverlässig Jahre und Jahrzehnte lang ausüben. Sie engagieren sich beim DLRG und schließen das Freibad auf. Diese Long-Runner nehmen nicht nur ihre Ehre ernst, sondern vor allem auch ihr Amt, das noch so klein sein mag. Doch für welchen heute unter 30-Jährigen ist diese Art des Engagements noch attraktiv?

Junge Nachwuchs-Ehrenämtler sind Short-Timer. Sie arbeiten projektbezogen, wollen wirkungsvoll sein und stürzen sich mit ganzem Herzblut hinein, um ein Ergebnis zu erzielen. Das Engagement muss präsentabel sein, etwas, das sie ihrer Community zeigen können. Ich engagiere mich? Heute mache ich ein hübsches Foto dabei, stelle es auf Facebook und teile es so mit meinem gesamten Freundeskreis. Und das ist kein Foto, auf dem ich das Freibad aufschließe. Die Zeiten, in der junge Menschen im stillen Kämmerchen und in stiller Demut ihr Ehrenamt ausführten, sind vorbei. Ist das schlimm? Überhaupt nicht!

Der demografische Wandel verändert die Gesellschaft und er verändert das Engagement. "Ehrenamt 2.0" – wieso nicht? Wir sollten es als Chance und nicht als Bürde begreifen. Und genau das müssen Vereine genauso wie Parteien oder Unternehmen erkennen, darauf müssen sie reagieren. Das Ehrenamt, das Engagement fürs Gemeinwohl, muss neu erfunden werden!

Hier müssen Organisationen ansetzen und ihre eigene Denkweise verändern. Viele von ihnen denken viel zu langfristig und wenig konkret. Sie müssen Ehrenämter schaffen, die zielorientiert sind. Projekte, an denen junge Menschen mitarbeiten wollen, weil sie Ergebnisse sehen, eine Wirkung spüren und weil sie mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben. Kurz: das Ehrenamt muss professionalisiert werden.

Die Menschen werden zu wenig mobilisiert

Im Grunde muss das Ehrenamt geführt werden wie ein Unternehmen. Die einzelnen Institutionen müssen sich klar artikulieren und fragen: Was sind unsere Erwartungen? Welche Aufgabenbereiche gibt es? Was kann Jemand, wo liegen seine Stärken? Und wie können diese Talente möglichst effektiv und Gemeinwohl-orientiert eingesetzt werden?

Damit stärken Institutionen nicht nur ihre eigene Unternehmensstruktur, sondern auch den engagierten Mitbürger selbst.

Die Bereitschaft, sich zu engagieren, schwindet nicht. Aber die Menschen werden zu wenig mobilisiert. Viele Vereine und Parteien sitzen da und schauen gewissermaßen dabei zu, wie ihnen ihre Strukturen wegbrechen. Der Nachwuchs bleibt aus und niemand weiß, wieso. Sie kümmern sich zu wenig darum, wie Nachwuchs-Gewinnung heute funktioniert. Im Zeitalter der neuen und sozialen Medien braucht es einen viel höheren Grad der Ansprache. Darin liegt ein ganz zentraler Schlüssel: sowohl für die Gewinnung als auch für die Koordination des Engagements. Mehr Öffentlichkeit herstellen – so wie sich das private Leben immer mehr in die Öffentlichkeit verlagert und sichtbarer wird, müssen auch Organisationen sichtbarer werden. Ohne Medien- und Onlinekompetenz werden in Zukunft auch keine Nachwuchskräfte gewonnen.

Simone Stein-Lücke, Geschäftsführerin der Agentur Bonne Nouvelle Sozialkommunikation.
Simone Stein-Lücke ist Geschäftsführerin der Agentur Bonne Nouvelle Sozialkommunikation. Die Unternehmerin, die CDU-Mitglied ist,...Foto: Bonne Nouvelle

Es wird Zeit, den demografischen Wandel gleichsam auch als Chance zu begreifen. Die Arbeitswelt verändert sich. Die wenigsten Beschäftigten arbeiten heute noch ein Leben lang in ein und demselben Berufsfeld, geschweige denn Unternehmen. Die Jobs und Arbeitsverhältnisse wechseln häufiger. Wieso nicht seine Kompetenzen einbringen und die Zeit sinnvoll überbrücken, indem ich mich zwischen einem Jobwechsel engagiere, etwa in einem Ehrenamt? Ehrenämter müssen nicht nur professionalisiert werden, sie können sich auch selbst professionalisieren, indem sie als Entwicklungs- oder Qualifikationsprogramm dienen. Aus einer ehrenamtlichen Tätigkeit kann auch ein Job entstehen.

So sollte das Leben, so sollten die gesellschaftlichen Veränderungen verstanden werden: als Chance. Der demografische Wandel bringt zweifelsohne Herausforderungen mit sich. Doch statt diese zähneknirschend mitanzusehen, sollten wir sie ergreifen und uns an die neuen Entwicklungen anpassen. Der Mensch will gebraucht werden, er lebt auch vom Gemeinwohl. Also sollten wir uns zum Teil dessen machen.

Protokoll: Rahel Klein

Simone Stein-Lücke ist CDU-Mitglied und ehrenamtliche Bezirksbürgermeisterin von Bad Godesberg. Die Unternehmerin nimmt teil am Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Demographie am 21. November in Bonn. Tagesspiegel.de veröffentlicht diesen Beitrag in Rahmen einer Demographie-Diskussion in Kooperation mit der KAS.

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