Ehrenamt, Demokratie, Demographie : Überlassen wir das Feld nicht den Wutbürgern!

Obwohl ehrenamtliches Engagement immer wichtiger wird, wird es viel zu wenig gewürdigt. Es muss dringend stärker gefördert werden. Vor allem die Schulen könnten hier sehr viel mehr tun. Ein Gastbeitrag

Sven Volmering
Jugendliche halten in Freiburg vor einem Fußball-Bundesligaspiel ein Banner mit der Aufschrift "Ehrenamt" in den Händen.
Jugendliche halten in Freiburg vor einem Fußball-Bundesligaspiel ein Banner mit der Aufschrift "Ehrenamt" in den Händen.Foto: dpa

Die Frage nach dem Engagement in Vereinen, Verbänden, Wirtschaft und Politik wird in einer Endlosschleife diskutiert. Vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen in allen Institutionen wird der demographische Wandel als Damoklesschwert angesehen, welches die letzten Wurzeln von Engagement zu zerstören droht. Parteien, Verbände oder Kirchen überlegen, wie sie "moderner" wirken können, um Nachwuchs dauerhaft zu binden. Patentrezepte gibt es nicht, zumal verschiedene Maßnahmen von Schnupper-Mitgliedschaften, Werbegeschenken, kostenlosen Freizeitangeboten, Ehrenamtspreisen, staatlichen Subventionen und Steuervergünstigungen mal mehr und mal weniger erfolgreich sind.

Beim Schreiben dieses Artikels habe ich mich an drei Situationen aus meinem Leben erinnert, die erklären, warum wir dringend eine positive Förderkultur in unserer Gesellschaft und einen Mentalitätswechsel bei der konkreten Bewertung von Ehrenamt brauchen. Abseits von Sonntagsreden, in denen betont wird, wie wichtig dieses ist und der Tatsache, dass sich Gott sein Dank noch viele Menschen engagieren, ist es mit der Anerkennung von Ehrenamt im Alltag unabhängig vom demographischen Wandel nicht so weit her. Die größten Feinde des Engagements sind Ignoranz, Arroganz und Bürokratie.

Beispiel 1: Als Stadtratsmitglied stand es mir gesetzlich zu, während meiner Grundwehrdienstzeit für Sitzungtsermine freigestellt zu werden. Der "Spieß" der Kompanie, der die Freistellung genehmigen musste, begrüßte mich bereits am ersten Tag mit den Worten "mit Ihnen können wir gar nichts anfangen" und sprach mich immer ironisch-abwertend mit "der Politiker" an und ließ mich den weiten Weg zu seinem Dienstzimmer zweimal laufen, da er gerade Frühstückspause habe.

Beispiel 2: Nach meinem Examen habe ich Bewerbungen bei Unternehmen eingereicht. Bei jedem Gespräch wurde ich eher negativ auf mein politisches Engagement angesprochen. "Politik. Das macht einen schlechten Eindruck auf unsere Kunden. Da leidet die Arbeit und unser Unternehmen. Sie müssen sich schon entscheiden." Die Palette reichte von kleinen Unternehmen bis hin zu Konzernen, die Fußballarenen ihren Namen geben und sich freuen, wenn Abgeordnete ihre Parlamentarischen Abende besuchen.

Einige lautstarke Ältere versuchen, Fortschritt für Jüngere zu verhindern

Beispiel 3: Als Politiklehrer, der seit 1991 politische Erfahrungen gesammelt hat, wird es mir auch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag bei meiner Rückkehr in die Schule nicht möglich sein, Juror bei dem Wettbewerb "Jugend debattiert" zu sein, weil ich die mehrtägige Fortbildung, in der unter anderem Merkmale einer politischen Debatte auf dem Lernplan stehen, nicht absolviert habe. Der Bundeswehrspieß, der geschworen hat, "das Recht" zu verteidigen, die Unternehmen, die froh sein sollten, dass ihre Mitarbeiter in der Politik erworbene Fähigkeiten mitbringen oder der bürokratische Irrsinn, der verhindert, dass ehrenamtlich erworbene Kenntnisse anerkannt werden, sind keine Einzelfälle, sondern in Deutschland leider oftmals die Regel.

Der dringend notwendige Mentalitätswechsel in den Köpfen noch zu vieler Menschen bei der Bewertung des Engagements erfordert das Bohren dicker Bretter. Resignieren ist jedoch verboten, will man das Spielfeld nicht einer immer älteren Wutbürger-Mannschaft überlassen, deren oberstes Ziel es meist ist, aus egoistischen Gründen Fortschritt und sinnvolle Maßnahmen aller Art zu Lasten der jüngeren Generation zu verhindern.

Hinzu kommen nun Studien, die besagen, dass die junge Generation immer unpolitischer wird. Selbst Studenten wenden sich immer häufiger von der Politik und gesellschaftlichem Engagement ab. Ich kann an dieser Stelle aus Platzgründen keine komplette Analyse der vielfältigen Ursachen abgeben, will aber auf einen Baustein hinweisen, der aus meiner Sicht langfristig die Situation verbessern kann. An diesem Punkt kommt wie so oft die Schule ins Spiel. Mir ist bewusst, dass diese oft als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Fehlentwicklungen angesehen wird. Nichtsdestoweniger sehe ich Chancen, hier die Grundlage für ehrenamtliches Engagement zu schaffen.

Dazu müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Wir müssen über die Inhalte der schulischen Ausbildung reden und diese an die Lebensrealität des 21. Jahrhunderts anpassen. Wir brauchen dazu nicht einmal neue Fächer, wie sie allenthalben gefordert werden, sondern mehr Freiheit für die Schulen, stärker als jetzt jenseits starrer Lehrpläne auf aktuelle globale und lokale Ereignisse in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik thematisch reagieren zu können, ohne ständig durch zentrale Vorgaben und Bürokratie gefesselt zu werden.

Die Schule böte so viele Möglichkeiten, die aber nicht genutzt werden

Wenn aktuelle Ereignisse wie das Erinnerungsjahr 2014 in der Gesellschaft einen breiten Raum einnehmen, muss dies auf breiter Basis auch in den Schulen geschehen und darf nicht immer abhängig von Einzelpersonen sein. Wir brauchen eine stärkere dauerhafte Kooperation mit den lokalen Institutionen, Verbänden und Vereinen, die Lust auf Engagement machen und offensiv im Unterricht einbezogen werden.

Warum kann das Stadtarchiv nicht die Ausstellung zum I. Weltkrieg mit Schülern erstellen? Warum beschäftigt man sich so selten mit kommunalpolitischen Themen? Warum werden so oft aktuelle Geschichtsbücher, Debatten oder Kinofilme nicht in der Schule besprochen? Warum sperren sich immer noch zu viele Lehrer gegen Wettbewerbe, die handlungsorientiert unternehmerisches Denken von den Schülern einfordern und Kontakte zu Existenzgründern ermöglichen? Warum werden so selten Vertreter aus dem öffentlichen Leben oder erfolgreiche Ehemalige in die Schule eingeladen? Warum nutzen so wenige Lehrer die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke und digitaler Medien, die weltweite Kontaktaufnahmen ermöglichen? Warum gelingt es so selten, Ereignisse für Schüler so zu gestalten, dass der Faktor Spaß nicht zu kurz kommt?

Sven Volmering (CDU) ist Lehrer und seit 2013 Mitglied des deutschen Bundestages. Er war selbst mehr als 20 Jahre ehrenamtlich politisch tätig.
Sven Volmering (CDU) ist Lehrer und seit 2013 Mitglied des deutschen Bundestages. Er war selbst mehr als 20 Jahre ehrenamtlich...Foto: promo

Meine besten Schulveranstaltungen waren die gemeinsam mit Schülern organisierten amerikanischen Präsidentschaftswahlnächte 2008 und 2012, die unter dem Motto "Burger und Politik" jeweils über 100 Schülerinnen und Schüler anlockten, die sich engagiert über Republikaner und Demokraten austauschten, dabei Burger aßen und die Nacht durchmachten, obwohl sie am nächsten Tag zum Unterricht erscheinen mussten.

Warum werden ehrenamtliche Leistungen nicht stärker honoriert? Auf Zeugnissen? Bei Studien- und Ausbildungsplatzbewerbungen? Meine Analyse ist nicht neu. Meine Fragen sind nicht neu. Sie zeigen aber leider, dass unter der Oberfläche in Deutschland nicht alles Gold ist, was glänzt. Es wird Zeit, aus der Bequemlichkeit aufzuwachen und Grundlagen dafür zu schaffen, dass sich weiterhin genügend Menschen ehrenamtlich engagieren. Unsere Gesellschaft braucht das.

Sven Volmering ist CDU-Bundestagsabgeordneter und nimmt teil am Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema Demographie am 21. November in Bonn. Tagesspiegel.de veröffentlicht diesen Beitrag in Rahmen einer Demographie-Diskussion in Kooperation mit der KAS.