Ein Zwischenruf zur … : … Integration

Nach Sarrazin soll es richtig losgehen mit dem "Mega-Thema" Integration. Barbara John fordert die Politiker auf, in die Kieze nach Mitte, Neukölln und anderswo zu gehen und mit den Menschen dort zu reden.

Barbara John
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.
Barbara John, Tagesspiegel-Kolumnistin und frühere Ausländer-Beauftragte des Berliner Senats.Foto: dpa

Erst das Buch von Sarrazin über das angeblich unausweichliche Verdummungswachstum in Deutschland, bedingt durch die massenhafte Einwanderung von Muslimen, dann das Hin und Her um den Autor. Seit 10 Tagen scheint Deutschland kein anderes Thema zu kennen. Und nun, nachdem Buch und Autor politisch abgehakt sind (zu Recht), soll es richtig losgehen mit dem „Mega-Thema“ Integration, so kündigen es jedenfalls die beiden Volksparteien an. Das könnte aufregend werden, denn da wird es viel Arbeit und viel Ärger geben.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Einwanderung jede Gesellschaft und ihre Institutionen sichtbar und nachhaltig verändert. Am intensivsten spüren das aber nicht die Politiker, sondern die Bürger, die ihre Wohnhäuser, Nachbarschaften und Arbeitsorte mit Einwanderern teilen. Verständlich, dass sie den Verlust ihrer vertrauten Lebensweise unwirsch beklagen. Sprache, Verhaltensweisen, Geschäftsgebaren der Neuen sind ihnen fremd, verursachen Gefühle von Hilflosigkeit. Für sie kann die aus Politikermund oft beschworene Formel von der kulturellen Bereicherung durch Einwanderung wie Verhöhnung klingen. Aber wer, wenn nicht die Kiezbewohner begegnen tagtäglich Jugendlichen, die schon bei schüchtern ausgesprochenen Ordnungsrufen gleich zum Angriff übergehen.

Sie sind es auch, die sich Gedanken machen über die Wirkung der großzügigen Rechtsansprüche auf Sozialgeld, weil sie Nachbarn kennen, die Schwarzarbeit aller Art nachgehen, gleichzeitig aber ihren Lebensunterhalt mit staatlichen Mitteln finanzieren, und zwar ohne jedes Unrechtsbewusstsein. Und dann naht auch noch die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus EU-Staaten wie zum Beispiel Polen und den baltischen Ländern, die nächstes Jahr beginnt. Einerseits Entlastung für den angespannten Arbeitsmarkt, andererseits mehr Konkurrenz. All das gilt es zu besprechen mit den Einheimischen, die bisher zu wenig einbezogen wurden. Am besten gleich anfangen in den Bezirksrathäusern von Mitte und Neukölln, wo die Bewohner Integrationsschwerstarbeit leisten, einfach weil sie da leben. Und sie verdienen Dank, auch wenn sie meckern.

Genauso wichtig ist es, massive konkrete Fehler schnell zu beseitigen. Was nach wie vor fehlt, ist der spürbare Durchbruch für Arbeit und Bildung für die sozialschwachen Einwanderer, statt neuer, meist folgenloser Projekte. Bleibt es bei diesem Manko, wird der Unmut wachsen.

Die Autorin war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats und schreibt regelmäßig "Zwischenruf"-Kolumnen für den Tagesspiegel.

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