Ein Zwischenruf zur … : … Krise

Krise, welche Krise? Wer jetzt nicht an ihr leidet, wird sie spätestens nach der Nordrhein-Westfalen-Wahl im kommenden Frühjahr spüren

Ursula Weidenfeld

Krise, welche Krise? Ein Jahr nach ihrem Ausbruch ist sie schon vorbei. Jedenfalls zeigen viele Indikatoren anhaltend erfreulich nach oben. Fast überall. Im nächsten Jahr soll die Wirtschaft wieder wachsen. Das vorläufige Fazit: Deutschland hat die Krise nicht nur erstaunlich gelassen überstanden, Deutschland hat diese Krise zum Fest gemacht: Man hat bonbonfarbene kleine Autos gekauft, hat in der üppigen freien Zeit in diesem Sommer Balkon, Garten und Wintergarten auf Vordermann gebracht und hat sich einfach nicht beeindrucken lassen von den düsteren Prognosen der Experten. Experten? Ach was. Da halten wir es doch lieber mit dem scheidenden Finanzminister Peer Steinbrück: Experten taugen nichts, schon gar nicht, wenn man sie braucht. Der eigene Kompass soll es sein, der uns leitet. Und das haben die Verbraucher einfach prima hingekriegt diesmal, oder?

Wenn ein Land eine Staatsquote von fünfzig Prozent hat und in der Krise nicht spart, sondern weiter lebt wie bisher, dann sind fünfzig (und mehr) Prozent des Bruttoinlandsproduktes von der Krise nicht betroffen. Beamte, Lehrer, Polizisten, Müllleute und Straßenbahnschaffner haben die Krise nicht bemerkt. Unternehmen? Nun, diesmal sagen wir „Gott sei Dank“. Die Firmen sind meistens weit weg von Berlin. So konnte es passieren, dass in Baden-Württemberg (niedrige Staatsquote, viel Industrie, vor der Krise keine Arbeitslosen) jetzt Heulen und Zähneklappern herrscht, in Berlin dagegen eitel Sonnenschein. Endlich zahlt es sich hier und in den neuen Ländern aus, dass so viele Leute direkt oder indirekt von staatlichem Geld leben oder leben müssen. An diesen Haushalten geht die Krise spurlos vorbei. Und weil man nur die Krise wahrnimmt, die einen direkt bedroht, ist Berlin im ganzen vergangenen Jahr eine öffentlich bedienstete Gutelaunestadt geblieben.

Wenn da nur nicht die Staatsfinanzen wären. Verzweifelt versucht die neue Regierung, den hässlichen Fleck auf dem blassrosa Nachkrisengewand zu verstecken: neue Schulden, in der Summe und am Ende der Krise womöglich fast eine halbe Billion Euro schwer. Vom Verstecken verschwindet diese Last nicht. Sie muss abgetragen werden. Durch Leistungseinschränkungen, durch Gebührenerhöhungen, durch mehr Eigenbeteiligung in den sozialen Sicherungssystemen. Krise, welche Krise? Wer jetzt nicht an ihr leidet, wird sie spätestens nach der Nordrhein-Westfalen-Wahl im kommenden Frühjahr spüren. Und dann um so länger an ihr leiden.

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