Fachkräfte : Krieg um Talente

In der schrumpfenden Altenrepublik Deutschland wird der Ruf nach qualifizierten Fachkräften aus aller Herren Länder immer lauter. Doch Fachkräfte im Ausland anzuwerben, ist eine neue Form des Kolonialismus.

Kostas Petropulos
Kostas Petropulos leitet das Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit.
Kostas Petropulos leitet das Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit.Foto: privat

In Deutschland gibt es keinen Fachkräftemangel! Deutschland muss Einwanderungsland werden! – Beide Aussagen kommen aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und sorgen derzeit für Verwirrung in der Öffentlichkeit. Erst beim zweiten Blick löst sich der scheinbare Widerspruch auf. Noch gibt es gerade in der Industrie reichlich ungenutzte Potenziale. Aber spätestens 2014, rechnet DIW-Präsident Klaus Zimmermann vor, ist auch hier das Ende der Fahnenstange erreicht. Danach müssten jährlich rund 500 000 ausländische Arbeitskräfte ins Land kommen, um den deutschen Wohlstand zu sichern. Also: Ausländer rein!

Tatsächlich wird in der schrumpfenden Altenrepublik Deutschland der Ruf nach qualifizierten Fachkräften aus aller Herren Länder immer lauter. Eine große Koalition aus Parteien, Wirtschaft, Experten und Publizisten will beim weltweiten „War of talents“ ganz vorne mitspielen. Nur wenige haben Bedenken. Zum Beispiel der deutsche Christdemokrat Hans-Gert Pöttering. Als Präsident des Europaparlaments kritisierte er im Sommer 2007 das Werben der Europäischen Union um qualifizierte Einwanderer etwa aus Afrika scharf. „Ich halte es für unmoralisch, die gut ausgebildeten Eliten, Ärzte und Krankenschwestern, nach Europa abzuwerben, wenn sie in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden.“

Tatsächlich leiden viele der von Aids und anderen Krankheiten geplagten afrikanischen Staaten unter massivem Personalmangel, weil viele ihrer Fachkräfte in die reichen Länder der Nordhalbkugel abgewandert sind. Oft arbeiten mehr afrikanische Mediziner in den USA, Kanada oder Großbritannien als in den Ländern, aus denen sie stammen und ausgebildet worden sind. Dabei braucht der schwarze Kontinent selbst bis 2015 rund eine Million zusätzliche medizinische Fachkräfte, wenn die Millenniumsziele der UN erreicht werden sollen.

Für die ergrauenden westlichen Industriestaaten ist diese weltweite Arbeitsteilung allerdings höchst vorteilhaft. Sie können sie sich die gewaltigen Kosten für Erziehung, Bildung und Ausbildung sparen. Die überlassen sie den deutlich ärmeren Ländern, die ihnen das wertvolle „Humankapital“ praktisch kostenlos liefern – selbst wenn man die westliche Entwicklungshilfe einberechnet. Kurz: Eine neue Form des Kolonialismus. Menschen, statt Rohstoffe!

Lässt man die moralischen Skrupel beiseite, bleiben immer noch handfeste Zweifel an der Vernunft dieses Vorhabens. Der Wirtschaftsriese Deutschland lebt bekanntlich von seinen Ausfuhren. Fast 50 Prozent der erzeugten Produkte und Dienstleistungen gehen ins Ausland. Davon mehr als 60 Prozent in die Staaten der Europäischen Union. Gerade die osteuropäischen Länder wie Polen, Tschechien oder Russland gelten als Wachstumsmärkte der Zukunft. Zu kauffreudigen Abnehmern deutscher Waren werden sie indes nur, wenn ihre Wirtschaft selber floriert. Genau das wird jedoch immer fraglicher, wenn die eigenen Ingenieure, Techniker oder Wissenschaftler nach Deutschland gelockt werden, um hier das Bruttosozialprodukt zu steigern. Deshalb hatte Polens damaliger Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski bereits 2007 seine im EU-Ausland lebenden Bürger zur Rückkehr ins Heimatland aufgerufen.

Wenn das Ausland schon beim Kampf gegen den demografisch bedingten Fachkräftemangel mithelfen soll, gibt es nur eine faire Alternative zur Masseneinwanderung: Deutschland muss sein überschüssiges Kapital und Wissen in diese Länder investieren. Outsourcing, Standortverlagerungen und milliardenschwere Geldanlagen in die Wachstumsmärkte der Zukunft sind ja schon heute gang und gäbe. Allerdings muss diese Strategie um eine Komponente ergänzt werden: Die Einhaltung sozialer, ökologischer und demokratischer Standards. Denn nur zwischen stabilen Gesellschaften und Staaten kann die neue demografische Partnerschaft dauerhaft funktionieren.

Der Autor leitet das Heidelberger Büro für Familienfragen

und soziale Sicherheit.

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