Fachkräftemangel : Scheinlösung Zuwanderung

Zehn Millionen Fachkräfte sollen bis 2030 fehlen. Doch woher sollen die kommen? Deutschland braucht endlich eine Bevölkerungspolitik. Ein Gastkommentar.

Peter Stützle
Peter Stützle.
Peter Stützle.Foto: DW

Zehn Millionen Fachkräfte sollen bis 2030 fehlen. Diese Zahl hat die Zuwanderungsdebatte neu entfacht. Sie ist die falsche Debatte. Denn zehn Millionen qualifizierte Zuwanderer werden nie und nimmer nach Deutschland kommen. Woher denn? Aus Europa schon mal nicht. Denn fast alle Völker Europas schrumpfen, wenn auch meist erst in der ersten Generation, während in Deutschland nun schon die zweite Generation ein Drittel kleiner ist als die ihrer Eltern und bald die dritte. Und auch außereuropäische Industrienationen wie Japan, Südkorea und Taiwan haben massive Geburtendefizite.

Wir müssen also unsere qualifizierten Fachkräfte von woanders holen. Aber das wollen andere auch. Die USA, Kanada und Australien gründen seit jeher ihren Wohlstand auf die Zuwanderung von Fachkräften. Es ist eine Tatsache, dass bald fast kein Industrieland mehr genügend eigenen Nachwuchs haben wird, um seinen Fachkräftebedarf zu decken. So viele indische Ingenieure und Softwareentwickler gibt es nicht, um die überall massiv steigende Nachfrage zu decken – zumal sich ihnen im eigenen Land immer mehr attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten auftun.

Doch auch Qualifizierung der Menschen im eigenen Land ist keine wirkliche Alternative. Die Rechnung mit zehn Millionen fehlenden Fachkräften bis 2030 beruht auf der Annahme, dass der Anteil der Qualifizierten und Hochqualifizierten bei den nachrückenden Jahrgängen gleich bleibt. Wir haben aber in den letzten Wochen zur Genüge darüber diskutiert, dass gerade sogenannte bildungsferne Schichten besonders viele Kinder haben. Nur wenn es uns gelingt, unter ihnen mehr Qualifizierte zu gewinnen, werden wir auf die Lücke von zehn Millionen kommen – andernfalls wird sie noch größer sein.

Daraus ergibt sich: Deutschland braucht endlich eine Bevölkerungspolitik. Leider hat das Wort in den Augen vieler einen bräunlichen Schimmer, und die Sarrazin-Debatte war eher dazu angetan, diese Wahrnehmung zu verstärken. Dabei strahlt das Wort eigentlich blau-weiß-rot. Die Franzosen haben die Bevölkerungspolitik Anfang des letzten Jahrhunderts „erfunden“, um demografisch nicht weiter hinter Deutschland zurückzufallen. Und wegen dieser Bevölkerungspolitik wird Frankreich zum Ende dieses Jahrhunderts die meisten Einwohner in Europa haben, weit mehr als Deutschland, aber auch mehr als Russland. Nicht weil das französische Volk derart wächst, sondern weil es nicht schrumpft.

Wenn die Entwicklung anhält, werden in Deutschland ungefähr ab 2040 jedes Jahr dreimal so viele Menschen sterben, wie Kinder zur Welt kommen – die Kinder der Migranten mitgerechnet, deren Anteil immer größer wird. Unser Problem ist daher auch nicht, dass arbeitslose Türken zu viele Kinder bekommen; unser Problem ist, dass die meisten anderen Bewohner dieses Landes zu wenige bekommen. Dieses Problem aber wird nur gelöst, indem man unseren teuren, aber wenig wirksamen familienpolitischen Flickenteppich ersetzt durch eine stringente Bevölkerungspolitik. Eine Bevölkerungspolitik, die es Frauen ermöglicht, jederzeit ihren Kinderwunsch zu erfüllen, ohne um ihre Ausbildung, ihren Berufseinstieg oder ihre Karriere fürchten zu müssen. Eine Bevölkerungspolitik, bei der auch eine ungeplante Schwangerschaft keine Katastrophe mehr ist, sondern eine Überraschung. Wir brauchen eine Willkommenskultur für Kinder.

Doch Bevölkerungspolitik, selbst schnell umgesetzt, würde sich erst nach 2030 auf den Arbeitsmarkt auswirken. Bis dahin werden wir die Zuwanderung von Fachkräften brauchen, und wir werden vor allem das Potenzial im eigenen Land heben müssen. Unter den Zugewanderten aus dem ländlichen Anatolien schlummern bestimmt nicht weniger Begabungen als in der deutschen Landbevölkerung des 19. Jahrhunderts. Dennoch werden wir einen vorübergehenden Wohlstandsverlust nicht verhindern können. Dazu hätten wir zwanzig Jahre früher handeln können. Was wir jetzt noch verhindern können, ist der dauerhafte Abstieg Deutschlands.

Der Autor ist Hauptstadtkorrespondent der Deutschen Welle und Autor des Buches „Generation Abgrund - Stirbt Europa aus?“

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