Gastbeitrag : Berlin, der Standort für Zukunftsindustrien

Berlin hat nicht nur kluge Köpfe, sondern auch Platz, um Neues zu entwickeln. Die Wirtschaft von morgen braucht Ideen, Technologie und Nachhaltigkeit.

Klaus Wowereit
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Foto:Thilo Rückeis

Die harte Reformarbeit hat sich gelohnt: Der Senat hat die Voraussetzungen geschaffen, dass Berlin als Standort für Zukunftsindustrien an Bedeutung gewinnt. Berlin hat trotz der Wirtschaftskrise beste Chancen zum Vorreiter neuen Wirtschaftens und neuer Arbeitsplätze zu werden. Die Stadt ist heute bundesweit Spitzenreiter bei der Schaffung neuer sozialversicherungspflichtiger Jobs.

Kreative Dienstleistungsmetropolen brauchen eine industrielle Basis. Daher stellen wir uns einer aktiven Industriepolitik für mehr Arbeit, Beschäftigung und Wohlstand.

Zu oft herrscht das Bild vor, Berlin habe gar keine industrielle Basis mehr. Das ist falsch und dem Umstand geschuldet, dass unsere Vorstellung von Industrie veraltet ist: „Industrie“, ist noch mit Vorstellungen von Lärm, Schmutz und harter, oft eintöniger Arbeit in großen Fabriken verbunden.

Die „alte“ Industrie Berlins besteht aber heute aus hochinnovativen und zukunftsfähigen Unternehmen wie Siemens, wo die modernste Dampfturbine der Welt gebaut wird; aus Pharmaunternehmen wie Magforce, die demnächst Gehirntumore gefahrfrei entfernen können; aus Unternehmen wie Inventux und Sulfurcell, die Module für saubere Energie herstellen. Ich habe in diesem Jahr einige dieser Betriebe besucht. Dabei ist mir deutlich geworden: Berlins Industrieprodukte sind der Nachhaltigkeit verpflichtet.

Nicht zufällig findet die heutige dritte Wirtschaftskonferenz des Senats unter dem Stichwort „Green Economy“ statt. Der Senat will den Weg in das Zeitalter der Energie- und Rohstoffeffizienz steuern und begleiten. Nachhaltige Technologien sind ein gutes Beispiel für Berlins Chancen in den Industrien von morgen. In Berlin arbeiten 28 000 Menschen in diesem Bereich – mehr als in jeder anderen Großstadt.

Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, dass fast jeder zehnte Berliner von Sozialleistungen lebt. Berlin spricht heute über eine intelligente Wachstumspolitik, die Menschen in Lohn und Brot bringt, und sie nicht von staatlichen Transferleistungen abhängig macht.

Denn nachhaltige Industrie ist nicht nur ein Gewinn für Hochqualifizierte. Sie schafft auch Arbeit für den Bauarbeiter, den Gebäudereiniger oder die Mechatronikerin und deren Familien. Am Beispiel der Klimaschutzwirtschaft wird klar: Mit dem Konjunkturprogramm werden derzeit Schulen, Kitas und Krankenhäuser energetisch saniert. Mit jeweils 100 Millionen Euro Investitionsvolumen in Bestandsgebäude werden rund 3000 Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert. Wir müssen uns anstrengen, dass Berliner Wissenschaftler und Forscherinnen ihre Ideen nicht in Detroit oder Schanghai in Produkte umsetzen, sondern dies Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus Berlin tun können.

Wir können aus der Geschichte lernen: Kluge Köpfe waren es, die Berlin im letzten und vorletzten Jahrhundert zur Industriestadt machten. Kluge Köpfe können der Industrie in Berlin wieder zu neuem Gewicht verhelfen. Wir sind offen für neue Ansiedlungen, wir müssen aber vor allem aus uns selbst heraus wachsen. Das bedeutet, dass die Politik Bedingungen schafft, damit Wissenschaftler mutig genug sind, ihre Ideen in einem Berliner Unternehmen umzusetzen. Dazu hat der Senat kürzlich die Möglichkeiten der Investitionsbank Berlin zur Kreditvergabe ausgeweitet.

Berlin hat nicht nur diese klugen Köpfe, sondern auch Platz, um Neues zu entwickeln. Im Umfeld wissenschaftlicher Einrichtungen, in Adlershof, Charlottenburg und Marzahn entstehen schon heute neue industrielle Arbeitsplätze. Der Senat wird dafür sorgen, dass der Flughafen Tegel nach seiner Schließung auch als Standort für Technologie, Kreativität und Industrie entwickelt wird: Gemeinsam mit dem neuen Großflughafen BBI kann TXL ab 2011 ein starker Wachstumsmotor der Stadt werden.

Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften haben sich zusammengefunden, um neuen industriellen Wohlstand in die Stadt zu bringen. Der Senat reicht ihnen die Hand, um im Rahmen einer Übereinkunft seine Idee für die Zukunft der Stadt um ein industriepolitisches Leitbild zu erweitern. Wenn alle an einem Strang ziehen, dann schaffen wir gemeinsam eine neue Industrialisierung Berlins.

Der Autor ist Regierender Bürgermeister von Berlin und stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender.

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