Gastbeitrag : Rückzug aus dem Nahen und Mittleren Osten?

In den USA vollzieht sich eine Energierevolution. Dass das Land deshalb sein Interesse am Nahen und Mittleren Osten verlieren wird, ist jedoch unwahrscheinlich, argumentieren Stormy-Annika Mildner und Kirsten Westphal.

Stormy-Annika Mildner und Kirsten Westphal
US-Flugzeugträger werden wohl auch künftig im Persischen Golf kreuzen.
US-Flugzeugträger werden wohl auch künftig im Persischen Golf kreuzen.Foto: Navy Media Content / dpa

Die USA sind auf dem Weg, energieautark zu werden. Während das Land 2011 noch rund 18 Prozent seines Energiebedarfs durch Importe deckte, dürfte der Importanteil laut der U.S. Energy Information Administration (EIA) bis 2040 auf weniger als 10 Prozent sinken. Grund für diese optimistische Prognose sind neue Fördermethoden. Das Hydraulic Fracturing (Fracking) erlaubt es, auch solche Vorkommen wirtschaftlich zu erschließen, die zuvor nur sehr schwer zugänglich waren. Deswegen sind die USA mittlerweile zum weltweit größten Gasproduzenten noch vor Russland aufgestiegen. Infolge des steigenden Angebots ist der Gaspreis kräftig gefallen. Kostete Mitte 2008 eine Million British Thermal Unit (BTU) am "Henry Hub" noch knapp 13 US-Dollar, so lag der Preis Anfang Februar 2013 bei knapp über 3 US-Dollar.

Auch bei der heimischen Ölproduktion zeigt der Trend kräftig nach oben. 2011 produzierte das Land laut EIA 5,6 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Damit lag es weltweit schon auf Platz drei der Ölproduzenten. Bis 2019 könnte die Produktion auf täglich 7,5 Millionen Barrel steigen.

Neid und Sorge in Europa

Europa schaut mit Neid, aber auch mit Sorge auf die Entwicklungen in den USA. Sinkende Energiepreise verbessern die Wettbewerbsfähigkeit des amerikanischen Produktionsstandortes. Unternehmen, die zuvor in Asien investierten, kehren in die USA zurück. Gerade energieintensive Branchen haben dort enormen Rückenwind durch die niedrigen Preise. Schon jetzt sorgen sich europäische Unternehmen, dass sie den Anschluss verlieren. Einen weiteren Anlass zu großer Besorgnis sehen Politiker diesseits des Atlantiks in den möglichen geopolitischen Veränderungen, die die Energierevolution in den USA nach sich ziehen könnte. Ein bislang noch unveröffentlichter BND-Bericht prognostiziert eine Neukartierung der geopolitischen Landkarte. Es überrascht nicht, dass sich jüngst die Münchner Sicherheitskonferenz dem Thema Energie und Geopolitik angenommen hat. Deutsche Politiker mutmaßten in München, dass die USA ihr Interesse am Nahen und Mittleren Osten verlieren werden, dort gar ein Machtvakuum entstehen könnte. Auf lange Sicht stünden die USA nicht mehr als Weltpolizisten in der Region bereit.

Diese Befürchtungen sind jedoch übertrieben. Zum einen ist der Supermachtstatus der USA untrennbar verbunden mit der Präsenz am Persischen Golf. Die enge Partnerschaft mit Israel sowie die prekäre Machtbalance und die Sorge um die Stabilität in der Region werden auch über aktuelle Krisen hinaus die USA in der Region binden. Daneben aber sprechen auch mindestens drei handfeste energiepolitische Gründe dagegen, dass sich die USA aus der Region zurückziehen werden.

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