Gastkommentar : Adolf Muschg: Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch

Die Reformpädagogik hat keine Doppelmoral zu rechtfertigen – ganz anders als der Klerus. Der Schriftsteller Adolf Muschg über den Leiter der Odenwaldschule und die Missbrauchsdebatte in Deutschland.

Adolf Muschg
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Adolf Muschg, Mitglied der Akademie der Künste.

Angesichts der Kampagne gegen Gerold Becker, den Leiter der Odenwaldschule von 1971 bis 1995, kommt mir die Bemerkung eines chinesischen Freundes in den Sinn: er begreife nicht mehr, wie die Kulturrevolution – an der er mitgewirkt hatte – menschenmöglich war. In den 60er Jahren gab es in Deutschland viele, welche diese Frage in Bezug auf das Dritte Reich stellten, und eine Pädagogik, die sie nicht nur mit moralischer Selbstzensur, sondern mit einer freien Praxis der Erziehung zu beantworten suchten. Auch die Odenwaldschule, damals schon 50 Jahre alt, wurde unter der Leitung Gerold Beckers Teil dieser praktischen Reform. Damals brauchte er seine Neigungen, die jetzt am Pranger stehen, nicht zu verleugnen. Die Grundlegung des „pädagogischen Eros“ findet sich in den Schriften Platons, die vom Körperlichen der Lehrer-Schüler-Beziehung durchaus nicht absehen.

War Sokrates ein Päderast? Eine solche Frage ist wie ein roher Griff, der jeden delikaten Stoff unkenntlich macht. Jedenfalls war Sokrates’ Eros der „Missbrauch“ nicht, für den er den Schierlingsbecher trinken musste. In den Augen der Politik verführte er junge Menschen zu gottlosen Fragen – und eröffnete damit einen zweitausendjährigen Diskurs der Aufklärung, der mit allem, was am Eros peinlicher Erdenrest bleibt, nicht aufgeräumt hat, und es, wenn er klug war, auch gar nicht versuchte. Das hat seine Gründe, die nicht im Missbrauch eines Einzelnen liegen, sondern im zwangsläufig Normwidrigen, das mit Sexualität verbunden ist. Erotik ist immer Grenzüberschreitung – es ist nur die Frage, ob sie uns willkommen ist oder nicht.

Dass die Reformpädagogik sie nicht tabuisierte, hat man ihr lange als Leistung gutgeschrieben. Sie hat versucht – ganz anders als die klerikalen Fälle von Missbrauch – keine doppelte Moral zu rechtfertigen, weil sie diese als Hindernis zu einer offenen Gesellschaft betrachtet, die mit ungelösten Fragen umgehen kann. Der Eros ist eine, die Menschen nicht theoretisch, sondern immer leibhaft begegnet, und restlos lässt er sich nicht zum „pädagogischen Eros“ sublimieren. Das gilt wahrlich nicht nur für Beckers Odenwaldschule, aber da er zu den Pädagogen gehört, die das Thema nicht verleugnet haben, ist er zum Boten geworden, den man heute für seine Botschaft hinrichtet, nachdem sie jahrzehntelang als befreiend gefeiert wurde. Das ist, angesichts der Realitäten, eine monumentale Heuchelei. Jugendschutz ist so etwas wie das Kerngeschäft der Korrektheit geworden in einer Gesellschaft, die darüber erschrocken ist, dass sie Sex ohne Grenzen zur Vermarktung freigegeben hat. Inzwischen werden überall wieder moralische Barrikaden aufgerichtet, auf die sich in sittenrichterlicher Heiligkeit steigen lässt. Leider haben sie mit der Sache, um die es geht, etwa so viel zu tun, wie die kolonialen Grenzen mit denjenigen indigener Kulturen oder mit dem Verlauf realer Topografie.

Ja, wir haben einen „Paradigmawechsel“, was die Sexualität betrifft: mit Gewinnern und Verlierern. Aber das stolze Wort kann auch Restauration von Barbarei bedeuten, „null Toleranz“, die Machtergreifung der Fantasielosigkeit. Gestern noch wurde die Odenwaldschule Beckers vom Beinahe-Mainstream der befreiten Schule getragen. Heute ist aus der Brücke zwischen den Generationen, die er geschlagen hat, eine Klinge geworden, über die man ihn springen lassen möchte. Die Öffentlichkeit hat keine Lust, Fehltritte gegen Verdienste abzuwägen, und noch weniger kann sie sich vorstellen, dass Fehler und Verdienste zwei Aspekte derselben Sache sein könnten – einer zu wichtigen Sache, als dass man sie dem Schnellgericht überlassen könnte. Dass Verstehen in diesem Fall wichtiger sein könnte als Urteilen kommt als Prinzipienlosigkeit hinüber – dabei wäre es nur der Anfang des Lernens. Aber es hat keine Stimme in der Öffentlichkeit des Hexengerichts. Dieses verlangt einen Sündenbock – und wenn er gesteinigt ist, sind alle schuldlos. Die biblische Aufforderung vom ersten Stein, den der Sündenfreie werfen soll, war etwas anders gemeint.

Ich entschuldige Gerold Becker nicht – das wäre die reine Anmaßung. Ich habe aber auch keinen vernünftigen Zweifel daran, dass „Missbrauch“ das letzte Wort ist, das zu seiner Praxis als Lehrer passt. Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch. Wenn er damit Schülern nahegetreten sein sollte, kann ich mir dafür keinen strengeren Richter denken als ihn. Den Schuldspruch des Vorurteils hat er nicht verdient; seine Anprangerung hat eine intelligente Öffentlichkeit nicht nötig.

Und was die Haftung seines Lebensgefährten Hartmut von Hentig betrifft: in den Jahren Joseph McCarthys gab es in Amerika den Sachverhalt „Guilt by association“. Er repräsentiert einen einzigartigen Tiefstand politischer Kultur – wie die chinesische Kulturrevolution. „Wie war so etwas menschenmöglich?“ Sehen wir nur zu, wohin die Jagd nach Missbrauch die Gesellschaft treibt – in eine flächendeckende Heuchelei. Ist sie das Gegenteil der Permissivität des Marktes? Es ist nur die Kehrseite davon.

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