Gastkommentar : Das alte Machtsystem der CSU ist am Ende

Fünf Jahrzehnte lang regierte die CSU in Bayern unangefochten. Sie war faktisch eine Staatspartei. Nun ist sie eine völlig normale Partei geworden und das bedeutet: Sie wird nicht mehr ewig regieren.

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Bayern war die CSU, die CSU war Bayern. Das war einmal, findet Christoph Seils. Mittlerweile hat sich für ihn die CSU zu einer normalen Partei entwickelt.
Bayern war die CSU, die CSU war Bayern. Das war einmal, findet Christoph Seils. Mittlerweile hat sich für ihn die CSU zu einer...Foto: dpa

CSU-Parteitage sind Machtdemonstrationen. Auch der diesjährige Parteitag am vergangenen Wochenende in Nürnberg war da keine Ausnahme. Eine riesige Halle, 1.000 Delegierte und hinter der überdimensionierten Bühne ein Slogan, der Programm und Anspruch zugleich sein soll: „Auf Bayern kommt es an“. Die CSU demonstriert selbstbewusst ihre Sonderstellung im bundesdeutschen Parteiensystem. Dazu verkündete der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident Horst Seehofer, sein Land stünde „so gut da wie noch nie zuvor in seiner Geschichte“. In Deutschland sei Bayern „die Nummer eins“ und in Europa „unter den Top Ten“ und das natürlich dank ihm und dank der CSU. Die Delegierten feierten ihren Frontmann mit stehenden Ovationen. Trotzdem war schon eine Menge Autosuggestion nötig, um die Krisensymptome der CSU zu verdrängen.

Ein halbes Jahrhundert lang waren Bayern und die CSU eins. Ein halbes Jahrhundert regierte die selbsternannte bayerische Staatspartei das Land allein und selbstherrlich. Bayern war die CSU, die CSU war Bayern. Dass sie bei der Landtagswahl vor drei Jahren 17,3 Prozentpunkte und die absoluter Mehrheit verlor und seitdem gemeinsam mit der FDP regieren muss, gilt unter Christsozialen als Betriebsunfall. 2013, wenn in Bayern wieder gewählt wird, soll dieser behoben werden.

Verzweifelt und vergeblich versucht die CSU sich auf die alten Erfolgsrezepte zu besinnen und läuft in Wirklichkeit einer Illusion hinterher. Denn die alten Zeiten kommen nicht zurück; das überholte Machtsystem der CSU lässt sich nicht restaurieren. Die Tage der regionalen Volkspartei CSU sind also gezählt, der stille Tod der Volksparteien macht um Bayern keinen Bogen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass die CSU nach der Landtagswahl in zwei Jahren erstmals seit den 1950er Jahren wieder in der Opposition landet.

Das liegt nicht in erster Linie an dem spröden, wankelmütigen und politisch sprunghaften bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Es liegt auch nicht daran, dass die SPD erstmals seit vielen Jahren mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude wieder einen aussichtsreichen Ministerpräsidentenkandidaten ins Rennen schickt. Es ist vielmehr umgekehrt. Der Sozialdemokrat Ude kann sich deshalb Hoffnung auf einen Wahlsieg machen, weil das alte Machtsystem der CSU am Ende ist.

Lesen Sie auf Seite 2 wieso sich das postmoderne städtische Bürgertum von der CSU abgewandt hat.

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