Gastkommentar : Den städtischen Wandel Berlins als Chance betrachten!
26.12.2011 09:14 UhrDie Attraktivität Berlins wird weiter steigen
Man muss dazu nicht die brutalen städtischen Vertreibungsorgien der chinesischen Parteiführung während der Vorbereitungen zu den olympischen Spielen in Peking im Jahre 2008 als Vergleich heranziehen. Es reicht schon, einen kurzen Blick auf eine andere europäische Veränderungsmetropole zu werfen, Istanbul. Dort reißt man durch den ökonomischen Boom ganze historische Stadtviertel wie das ehemalige Romaviertel Sulukule oder Tarlabasi in der Nähe des Szenebezirks Beyoglu ab und baut sie neu auf. Dabei erhalten Hausbesitzer nur einen Bruchteil des Eigentumswertes ihrer Immobilien, Mieter gar keine oder nur eine geringe Entschädigung. Die städtischen Baulöwen schrecken nicht davor zurück, ihre Schlägertrupps auf die hilflose Bevölkerung loszulassen. Jeder Istanbuler würde an eine Märchenwelt denken, wenn man ihm erzählte, dass Berliner Mieter das Recht in Anspruch nehmen können, in Sanierungsgebieten in ihre alte Wohnung zurückzukehren oder ihnen sogar die Miete bezahlt wird, auch im Falle der langjährigen Arbeitslosigkeit. Wer also staatliche Leistungen in Berlin bezieht, sollte man einen Umzug in einen Randbezirk zumuten können.
Es ist endlich an der Zeit, über die Vorteile des städtischen Wandels zu diskutieren. Zum einen erhält Berlin ein städtebauliches Sanierungsprogramm, welches größtenteils aus privaten Mitteln finanziert wird. Die Verrohung der Kernbereiche wird in den nächsten Jahren der Vergangenheit angehören, die innere Sicherheit zunehmen und die Attraktivität der Stadt weiter steigen. Das Viertel Harlem in New York gilt als ein Paradebeispiel hierfür.
Zweitens erhalten die bislang vernachlässigten Randbezirke wie Spandau oder Marzahn eine Chance. Es wird keineswegs so kommen, dass nur sozial schwache Bewohner in die Randbezirke ziehen. Ebenfalls Studenten, Künstler und kleinere Kreativunternehmen suchen in Zukunft nach neuen Standorten. Ist der Zug erst einmal losgefahren, ziehen die Kneipen, Clubs und Galerien hinterher. Die Sanierung der Innenbezirke in Madrid führte beispielsweise dazu, dass die Ränder wie Vallecas einen ungeahnten Boom zum Wohle der Stadt erfuhren.
Die Politik darf dagegen den Berlinern keine Sandkörner in die Augen streuen. Sie hat weder das Geld noch die politische Kraft, diesen Prozess zu verhindern. Kein noch so umfangreiches Sozialprogramm der Welt kann den Wandel aufhalten. Daher wäre sie gut beraten, ihm freien Lauf zu lassen. Stattdessen wäre es angebracht, weitsichtig den Blick auf die Randbezirke zu lenken, um soziale Fehlentwicklungen zu vermeiden. Dazu gehören selbstverständlich Programme wie der soziale Wohnungsbau und der Bau von Schulen oder Kitas.
Murat Tebatebai ist Dipl.-Politologe. Er lebt seit November 2009 in Huamanga, Peru und kehrt im November 2012 nach Berlin zurück, wo er seit 1988 heimisch ist. Tebatebai hat an der FU studiert und unter anderem für den Bundestag und das Berliner Abgeordnetenhaus gearbeitet.





































