Gastkommentar : Die Rolle der Prinzen

Wie auch in Bahrain liegt die große Gefahr für die saudische Dynastie in den Dimensionen der Proteste. Verschleppen die Saudis die nötigen Reformen, droht der Zerfall.

Guido Steinberg
Saudi-Arabiens König Abdallah
Saudi-Arabiens König AbdallahFoto: dpa

Auch in Saudi-Arabien zeigen die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen Wirkung. Die für den heutigen Tag angekündigten Demonstrationen wurden von der Regierung verboten, regimetreue Religionsgelehrte erklärten Proteste dieser Art für unislamisch. Wie nervös die Machthaber in Riad sind, zeigt sich jedoch vor allem daran, dass die saudi-arabische Führung gegenüber den Schiiten im Osten des Landes mit verschärften Repressionen reagiert. Der aufsehenerregendste Fall betrifft den populären Prediger und Aktivisten Taufiq al Amir, der Ende Februar inhaftiert wurde, weil er die Einführung einer konstitutionellen Monarchie und ein Ende der Diskriminierung der Schiiten gefordert hatte. Nach weiteren Protesten und vorrübergehenden Verhaftungen wurde al Amir am vergangenen Sonntag wieder frei gelassen.

Die Proteste in Saudi-Arabien werden nicht allein von den rund zwei Millionen Schiiten im Land getragen. Korruption und Prunksucht der Herrscherfamilie führen in weiten Teilen der Bevölkerung zu Unzufriedenheit. Viele junge Leute fragen sich, wieso es trotz des märchenhaften Ölreichtums des Landes eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent und weitverbreitete Armut gibt. Doch wie auch in Bahrain liegt die große Gefahr für die saudische Dynastie in der konfessionellen Dimension der Proteste.

Die Schiiten in Saudi-Arabien werden seit Jahrzehnten brutal diskriminiert. Ein Grund hierfür ist die saudi-arabische Staatsideologie, die radikal sunnitische Wahhabiya, deren Vertreter die Schiiten als Ungläubige diffamieren. Die Lage verschärfte sich seit 1979, nachdem das Regime Unruhen in der Ostprovinz nur mit Mühe niederschlagen konnte. Die Islamische Revolution im Iran hatte die Schiiten vor Ort ermuntert, ein Ende der religiösen Benachteiligungen einzufordern. Fortan betrachtete die saudische Führung die Schiiten in der Ostprovinz als potenzielle „fünfte Kolonne“ des schiitischen Iran – und als Sicherheitsrisiko.

Guido Steinberg
Guido SteinbergFoto: privat

Erst ab 2001 bemühte sich das Regime, die Spannungen etwas abzubauen. Beispielsweise wurde das seit 1913 bestehende Verbot von schiitischen Moscheeneubauten leicht gelockert. Die treibende Kraft war der damalige Kronprinz und heute 88 Jahre alte König Abdallah, der sich mit seiner Reformpolitik auch unter Schiiten Ansehen erworben hat. Abdallah lädt seit 2003 in unregelmäßigen Abständen verschiedene soziale Gruppen des Königreichs zu Dialogtreffen ein, um kontroverse Themen wie die Stellung der religiösen Minderheiten und die Rolle von Frauen zu erörtern.

Doch zeigten sich schnell die Grenzen der Reformpolitik. Auch König Abdallah will nicht prinzipiell an dem Bündnis mit den wahhabitischen Gelehrten rütteln, die die Herrscherfamilie schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts unterstützen. Sie sind Teil der zentralarabischen Machtbasis der Familie Saud und eine wichtige Quelle religiöser Legitimität. Dies zeigte sich ab 2005, als die Spannungen zwischen Teheran und Riad zunahmen und die saudi-arabische Führung die Détente mit den Schiiten aufkündigte. Die Schiiten waren von allen jetzt noch folgenden Reformschritten ausgenommen.

Ein nachhaltiger Abbau der Spannungen zwischen sunnitischer Mehrheit und schiitischer Minderheit wird nur möglich sein, wenn die Herrscherfamilie ihr Bündnis mit den wahhabitischen Gelehrten aufkündigt und damit den Weg für eine Gleichberechtigung aller Nichtsunniten freimacht. Stattdessen sorgen sich die Reformbefürworter im Land, dass auch die vorsichtige Reformpolitik der letzten Jahre bald endet. Der 1923 geborene König Abdallah wird nicht mehr lange leben. Schon seit Monaten gilt Innenminister Naif, die Nummer zwei in der Thronfolge, als neuer starker Mann. Er lehnt die Reformen seines Bruders ab und geriert sich als Vertreter eines Sicherheitsstaates, wie er gerade in so vielen arabischen Staaten scheitert.

Sollten nicht bald jüngere und reformorientierte Prinzen die Macht erobern und einen rascheren Wandel durchsetzen, sind Konflikte im Land programmiert. Ändert Riad seine Politik vor allem gegenüber den heimischen Schiiten nicht, dürfte die Geschichte der Dynastie und vielleicht auch des saudi-arabischen Staates bald enden. Noch ist die Gefahr nicht akut. Doch das iranische Vormachtstreben, Teherans Wille, sich nuklear zu bewaffnen und mögliche Gegenreaktionen der USA und Israels werden die Golfregion auch künftig nicht zur Ruhe kommen lassen. Da es der saudischen Herrscherfamilie nicht gelungen ist, die verschiedenen Bevölkerungsteile des Landes zu versöhnen, kann jede innen- und außenpolitische Krise der nächsten Jahre einen Zerfall des Landes einleiten. Gegenüber den wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen einer solchen Entwicklung werden die Revolutionen in Nordafrika wie historische Nebensächlichkeiten scheinen.

Der Autor ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe Naher Osten und Afrika und der Stiftung Wissenschaft und Politik.

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