Gastkommentar : Einwanderer steigern unseren Wohlstand

Deutschland muss erheblich mehr für die berufliche Qualifizierung seiner Einwanderer tun, meint Wirtschaftsforscher Klaus Zimmermann. Er fordert zudem eine mutige Zuwanderungspolitik.

Klaus Zimmermann
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Wirtschaftsforscher und DIW-Präsident Klaus ZimmermannFoto: picture-alliance/ dpa

Bundespräsident Christian Wulff hat recht, die Zuwanderungsdebatte bestätigt es: Deutschland muss erheblich mehr tun für die Integration seiner Einwohner mit ausländischen Wurzeln. Nach neuesten Zahlen hat jeder fünfte, der heute bei uns lebt, einen Migrationshintergrund. Diese 16 Millionen Mitbürger werden unsere Zukunft entscheidend prägen – alleine schon deshalb, weil sie deutlich jünger sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Doch um ihre Entwicklungsmöglichkeiten in unserem Land ist es nicht gut bestellt: Migranten im Alter von 25 bis 65 Jahren sind etwa doppelt so häufig erwerbslos und haben ein wesentlich höheres Armutsrisiko als ihre deutschstämmigen Mitbürger.

Dennoch ist es ebenso ungerecht wie ökonomisch falsch, zu behaupten, Zuwanderer suchten nur das bequeme Netz unserer sozialen Sicherungssysteme. Ungerecht deshalb, weil Kinder von Migranten selbst bei gleicher Qualifikation nachweislich deutlich schlechtere Arbeitsmarktchancen haben als ihre übrigen Altersgenossen. Bei Bewerbungen werden sie zum Beispiel oftmals schon allein aufgrund ihres Namens diskriminiert.

Wenn 14 von 100 Zuwanderern im Alter von 20 bis 30 Jahren bei uns weder Job noch Lehrstelle haben, dann läuft Erhebliches schief bei ihrer Integration. Verantwortlich hierfür ist eine seit Jahrzehnten völlig verfehlte, weil ungesteuerte Zuwanderungspolitik. Sie hat die falschen Anreize gesetzt, schlechte Auswahlsysteme geschaffen, die richtige Selektion versäumt. So wurden in den 60er Jahren massenhaft gering qualifizierte Arbeitnehmer angeworben, deren Kinder vielfach noch in den weniger attraktiven Berufsfeldern und sozialen Milieus angesiedelt sind.

Im Ergebnis dieses Versagens stehen wir heute vor einem doppelten Dilemma: Qualifizierte Zuwanderer gehen in die USA, Kanada oder Australien, die gering Qualifizierten kommen zu uns. Diese fundamentalen Fehler können wir uns weder gesellschaftspolitisch noch arbeitsökonomisch länger leisten. Laut Prognos fehlen schon 2015 in Deutschland etwa drei Millionen Arbeitskräfte. Andere Berechnungen kommen zu dem Ergebnis: Wir verlieren bis zum Jahre 2030 pro Jahr 250 000 Arbeitskräfte, weil unsere Bevölkerung schrumpft. Der wachsende Fachkräftemangel betrifft keineswegs nur die „High Potentials“ wie Ingenieure, IT-Branche, Forschung, Ärzte. Unsere älter werdende Gesellschaft braucht zum Beispiel auch rund 300 000 zusätzliche Pflegekräfte. Deswegen ist es die Pflicht von Staat und Wirtschaft, unser gesamtes Erwerbspotenzial zu mobilisieren. Um diesen Prozess erfolgreich zu gestalten, brauchen wir bindende „Integrationverträge“ zwischen Zuwanderern und Gesellschaft, in denen auch deren Verpflichtungen und Gegenleistungen definiert werden, voran ihre Bereitschaft zum Lernen der deutschen Sprache, ihr Bemühen, sich in unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung mit eigenen Beiträgen einzubringen, unsere Grundwerte anzuerkennen.

Es gebe in Deutschland Millionen Zuwanderer, die alles dafür täten, dass es ihre Kinder einmal besser haben, sagte der Bundespräsident. Um diesen Wunsch zu erfüllen, brauchen wir erstens eine aktive Integrations- und Qualifizierungsoffensive für jene Migranten, die heute schon in Deutschland leben. Dann können sie in den betrieblichen Alltag vielfältige eigene Fähigkeiten und Talente einbringen, die die klassischen deutschen Tugenden bereichern und ergänzen.

Zweitens brauchen wir ein transparentes, gezielt am wirtschaftlichen Bedarf orientiertes Zuwanderungsangebot an all jene, die wir in Zukunft dringend brauchen. Schon vor zehn Jahren hat die Süssmuth-Kommission empfohlen, auch bei uns ausländische Kräfte nach einem Punktesystem auszuwählen, in dem Bildung, Qualifikation und Bedarf die Hauptkriterien sind. Ebenso brauchen auch einwandernde Familienangehörige ein Aufenthaltsrecht, verbunden mit der Chance, ebenfalls am Arbeitsmarkt teilzunehmen.

Diese Vorschläge müssen jetzt mutig angepackt werden. Denn qualifizierte Zuwanderer sind wirtschaftlich erfolgreich, steigern unseren Wohlstand, schaffen direkt und indirekt neue Arbeitsplätze – auch für Einheimische.

Professor Klaus Zimmermann ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) Bonn und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin

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