Gastkommentar : Geeintes Land, geteilte Erinnerung

15. Januar, 17. Juni, 20. Juli, Antifaschismus, Antitotalitarismus: Die Deutschen haben noch kein gemeinsames Gedächtnis. Das vereinte Deutschland braucht Geduld.

Ernst Piper
9.11.2010: Klaus Wowereit übergibt den neuen Gedenk-Ort zum Mauerfall an der Bornholmer Brücke. "Platz des 9. Novembers 1989" lautet der Name.Weitere Bilder anzeigen
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09.11.2010 16:369.11.2010: Klaus Wowereit übergibt den neuen Gedenk-Ort zum Mauerfall an der Bornholmer Brücke. "Platz des 9. Novembers 1989"...

Erinnerung hat Konjunktur. Seit einigen Jahren sind wir, börsentechnisch gesprochen, mit einem Allzeithoch der Erinnerungskultur konfrontiert. Noch nie gab es so viele und so gut besuchte Gedenkstätten und Veranstaltungen, so viele Spielfilme, Hörfunk- und Fernsehsendungen, Ausstellungen, Feierstunden, wissenschaftliche Tagungen und Publikationen zur jüngeren deutschen Geschichte. Dabei beziehen sich diese Aktivitäten auf Ereignisse, die in der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, der alten Bundesrepublik oder in der DDR stattgefunden haben, allesamt Staaten, die nicht mehr existieren.

Gerade in erinnerungspolitischer Hinsicht hatte die deutsche Vereinigung auch den Charakter der Bildung einer neuen Nation. Dazu gehört die Verständigung über deren Herkunft. Das ist nicht immer einfach. Oft ist der Feind von gestern der Nachbar von heute, muss man sich mit ehemaligen Gegnern gemeinsam um etwas Neues bemühen. Und wenn die Nachbarn beinahe ein halbes Jahrhundert voneinander getrennt waren, braucht die Annäherung Zeit und Geduld.

Am 25. Juni 1953 schrieb Marion Gräfin Dönhoff in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Der 17. Juni wird einst und vielleicht nicht nur in die deutsche Geschichte eingehen als ein großer, ein symbolischer Tag. Er sollte bei uns schon jetzt zum Nationalfeiertag des vereinten Deutschland proklamiert werden.“ Das war damals eine erstaunliche Stellungnahme. Dönhoff war sich sicher, dass der Volksaufstand in der DDR, an dem sich in 700 verschiedenen Orten mehr als eine Million Menschen beteiligt hatte, eine enorme historische Bedeutung haben würde. Und sie sprach zu einem Zeitpunkt, als die Wunden, die die Teilung des Landes gerissen hatte, noch ganz frisch waren, schon von der Wiedervereinigung.

Tatsächlich wurde kurz darauf, am 4. August 1953, in der Bundesrepublik der 17. Juni zum gesetzlichen Feiertag erklärt. In der DDR hingegen sah sich das unter Aufsicht der Sowjetunion installierte Regime der SED grundlegend infrage gestellt und verteidigte sein angegriffenes Machtmonopol brachial. 13.000 Menschen wurden verhaftet und etwa 2.000 auch verurteilt. 18 Menschen wurden standrechtlich erschossen, zwei verurteilt und hingerichtet und zwischen 50 und 125, genauere Zahlen kennen wir nicht, kamen bei der Niederschlagung des Aufstandes ums Leben. Der deklamatorische Anspruch der Regierung in Ost-Berlin, gesamtdeutsche Politik zu machen und für die deutsche Einheit zu kämpfen, war nun kaum noch aufrechtzuerhalten. Stattdessen konstruierte man eine Bedrohung von außen und behauptete einen faschistischen Putschversuch, der von Agenten, Provokateuren und Drahtziehern aus dem Westen inszeniert worden sein sollte. Ein Konstrukt, für das bis heute jeder seriöse Beweis fehlt.

Das SED-Regime, das doch in der DDR das „bessere Deutschland“ sehen wollte, sah sich unversehens in der Defensive. Was folgte, war – in den Worten des Historikers Edgar Wolfrum – eine „innere Staatsgründung unter repressiven Vorzeichen“. Nachdem die Systemkrise überstanden war, sollte jede Erinnerung daran unterdrückt werden. Wer der Opfer des Volksaufstandes von 1953 gedachte, machte sich nach den Gesetzen der DDR strafbar.

In der Bundesrepublik war die Situation umgekehrt. Der 17. Juni war ein herausragendes Datum, das in den Hochzeiten des Kalten Krieges für die Systemkonkurrenz gut zu nutzen war. Das Kuratorium „Unteilbares Deutschland“ organisierte eine Fülle von Veranstaltungen und verschaffte dem 17. Juni ganzjährige Publizität. Politiker verkauften Anstecknadeln, auf den Straßen wurden „Wiedervereinigungspfennige“ gesammelt. Die Bürger waren aufgerufen, Kerzen in die Fenster zu stellen als Gruß an die Brüder und Schwestern in der „Zone“. Doch mit den Jahren reduzierte sich der Gedenktag immer mehr zum Staatsakt und wurde durch andere Ereignisse wie den Mauerbau überlagert.

Am 17. Juni 1990 gedachten die erste frei gewählte Volkskammer und der Bundestag – zum ersten und letzten Mal – gemeinsam des Tages der deutschen Einheit und der Opfer des Volksaufstandes von 1953. Mit Rücksicht auf den noch immer geltenden Vier-Mächte-Status und um die Sowjetunion nicht zu provozieren, wurde die Feierstunde als „Kulturveranstaltung“ deklariert und aus dem Reichstag in das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt verlegt. Das hätte vielleicht der Ausgangspunkt für eine gemeinsame Neubewertung des lange Zeit so umkämpften Datums sein können, zumal der Festredner, Konsistorialpräsident Manfred Stolpe, sagte: „Am 9. Oktober 1989 wurde vollendet, was am 17. Juni 1953 misslang.“ Doch der Einigungsvertrag vom 29. September 1990 legte den 3. Oktober als neuen gesetzlichen Feiertag fest.

In der Bundesrepublik war die Situation umgekehrt .... Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

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