Gastkommentar : Germany’s Next Supermechanikerin

Mädchen werden kaum einen Technikberuf ergreifen wollen, weil irgendein Verband oder ein Industrieunternehmen das fordert. Gerade Mädchen brauchen Rollenvorbilder - deshalb müssen auch Fernsehmacher ihre vertrauten Bilder endlich über Bord werfen.

Brigitte Osterath
Frau "ganz Frau" im TV: Wo Frauen immer nur à la "Germany's Next Topmodel" präsentiert werden, fehlen alternative Rollenvorbilder.
Frau "ganz Frau" im TV: Wo Frauen immer nur à la "Germany's Next Topmodel" präsentiert werden, fehlen alternative Rollenvorbilder.Foto: dpa

Mehr Frauen in Männerberufe lautet die weitverbreitete Forderung. Oder konkreter: Mädchen sollen doch bitteschön Ingenieurinnen werden – schließlich herrscht in Deutschland Ingenieurmangel.

Aber ist es wirklich ein Wunder, dass Mädchen nicht auf die Idee kommen, Maschinenbau oder Elektrotechnik zu studieren? Wenn sie abends den Fernseher anschalten, schauen sie nicht Nano oder das c’t magazin. Nein, sie sehen sich „Germany’s Next Topmodel“ an, „Deutschland sucht den Superstar“ und viele Seifenopern à la „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Da suchen und finden sie ihre Identifikationsfiguren und Vorbilder: Models, Sängerinnen, Krankenschwestern, Lehrerinnen, Kosmetikerinnen, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und mitunter Architektinnen – von Chemieingenieurinnen, Informatikerinnen und Elektrotechnikerinnen keine Spur. Und im realen Bekanntenkreis? Da sieht es genauso aus. Denn Ingenieurinnen sind nun mal selten – das war ja das erwähnte Ausgangsproblem.

Mädchen werden wohl kaum einen Technikberuf ergreifen wollen, weil irgendein Verband oder ein Industrieunternehmen das fordert. Denn sie wissen nichts über die technischen Berufe und kennen keine Frauen, die sich damit beschäftigten – nicht einmal ihre Idole in der Fernsehwelt tun das! Technikunterricht in der Schule gibt es so gut wie nicht und welcher Vater nimmt seine Tochter mal beiseite, um ihr zu zeigen, wie man eine Deckenlampe anbringt? Die meisten Mädchen kommen mit Technik so gut wie nicht in Berührung und haben dieses Berufsfeld daher gar nicht im Blick.

Gerade Mädchen brauchen Rollenvorbilder, da sind sich die Pädagogen einig. Und sie suchen sie sehr oft im Fernsehen. Wie eine Studie von Medienwissenschaftlern an der TU Berlin jetzt gezeigt hat, beeinflussen Serien auch die Berufswahl von Jugendlichen: Knapp ein Viertel aller Mädchen gab bei einer Umfrage an, durch Fernsehserien auf ihren Traumberuf aufmerksam geworden zu sein. Das sind mehr als diejenigen, die ihre Berufswahl auf den Schulunterricht oder die Berufsberatung zurückführen.

Amerikanische Universitäten kennen dieses Phänomen bereits: Die sehr beliebte Kriminaltechnikserie „CSI“ hat quasi über Nacht die Hörsäle der Forensikinstitute mit Studentinnen gefüllt. Seitdem die Zuschauerinnen auf dem Bildschirm die Arbeit der Spurensicherung mit Spannung verfolgen und sehen, dass auch starke, gut aussehende Frauen diese Arbeit mit großem Erfolg absolvieren, ist der Frauenanteil unter den Forensikabsolventen um knapp zwei Drittel gestiegen. Auch amerikanische Lehrer berichten, dass sich ihre Schüler plötzlich mehr für Biologie und Chemie interessieren.

Gerade deutsche Fernsehserien hingegen blenden Naturwissenschaft und Technik mehr oder weniger komplett aus. Als Medienwissenschaftler die Fernsehmacher gefragt haben, woran das liege, hieß es: „Wissenschaft und Technik, das wirkt so kalt“ oder „Ingenieure vorm Rechner sitzen zu sehen ist langweilig“. Und immer schimmerte in der Antwort der eigentliche Grund durch: „Die Themen interessieren mich nicht, also interessieren sie auch die Zuschauer nicht.“

Sehr schade. Denn natürlich gibt es auch über Ingenieure spannende Geschichten zu erzählen, man muss nur den Willen haben, sie sich auszudenken. Dafür müssen Fernsehmacher aber ihre vertrauten Bilder über Bord werfen: Frauen müssen nicht immer Krankenschwestern oder Lehrerinnen sein – es gibt auch Frauen, die Spaß an Technik haben!

Fernsehserien mit Ingenieurinnen könnten das erreichen, was Förderprogramme, Tage der offenen Tür und Mädchenzukunftstage bisher nicht annähernd geschafft haben: das Thema Technik tief im Alltag der Mädchen zu integrieren. Mal ehrlich, Tage der offenen Tür erreichen doch meist nur jene, die schon interessiert sind. Fernsehserien hingegen können tiefverwurzelte Begeisterung an einem Beruf wecken oder den Mädchen auch einfach nur zeigen, dass Technik nicht automatisch Männersache ist.

Die Autorin ist Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin. (Ihr Interesse an der Chemie hatte damals eine US-Seifenoper mit einer Chemikerin geweckt.)

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