Gastkommentar : Herdentrieb der Journaille

Journalisten können ganz schön streng sein, wenn es darum geht, Maßstäbe an das Handeln anderer anzulegen. Und das ist auch gut so. Nur: Wer legt eigentlich Maßstäbe an das Handeln der Journalisten an?

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In der veröffentlichten Meinung könnten die Journalisten nur selber Maßstäbe anlegen. Aber sie tun es, wenn überhaupt, nur zu selten. Vor allem dann nicht, wenn die – spöttisch so genannte – „Journaille“ mal wieder ihrem Herdentrieb folgt. Wie es in diesem Frühsommer gleich zwei Mal der Fall war. Dann stellt man nicht nur fest, dass sich die Herde kaum an fixe Maßstäbe hält, sondern dass sie es bisweilen gar nicht bemerkt, wie sie von einer Sekunde auf die andere ihre Maßstäbe total auswechselt.

Zwei Beispiele dafür: einmal die Bundespräsidentenwahl. In den Wochen vor der Wahl wurde nahezu einhellig das Bestreben der schwarz-gelben Koalition verurteilt, die Wahlmänner beisammen zu halten und Christian Wulff zum Sieg zu verhelfen. Das galt – übrigens verfassungspolitisch ziemlich unsinnig begründet – als zutiefst undemokratisch. Die Wahl wurde vorweg als glatt abgekartetes Geschacher denunziert. Selbst ein vormaliger Bundespräsident und ein vormaliger Ministerpräsident waren sich nicht zu schade, sich in die Wahl einzumischen – unter Vernachlässigung ihrer früheren eigenen Redeweisen – und eine „Freigabe“ der Abstimmung zu fordern. Und das, als sei eine - wie bei Personenwahlen in Kammern üblich - geheime Abstimmung nicht ex definitione frei und unkontrollierbar; und deshalb eben als geheime Wahl angeordnet. Dass die beiden Elder Statesmen angeblich unparteiisch vom Verfahren redeten, in Wirklichkeit aber Partei für einen der Bewerber ergriffen, kommt noch hinzu.

Sei's drum, als sich dann in drei Wahlgängen zeigte, dass die Wahlleute eben doch nicht bloß stumpfes Stimmvieh waren, hat sich die Journaille nicht nur nicht an die eigene Brust geklopft und die Fehleinschätzung eines total gezinkten Spiels korrigiert. Sondern nun wurde – erinnerungs- und besinnungslos – die Herdenrichtung um 180 Grad gedreht: Nun galt die Kanzlerin als die politische Versagerin, die es nicht geschafft hatte, ihre Truppen beieinander zu halten, also das zustande zu bringen, was man ihr vorher als undemokratisch vorgeworfen hatte. Soll man solche Publizistik ernst nehmen?

Beispiel zwei: Die Rücktritte der Ministerpräsidenten. Jahrzehntelang hat man sich darüber aufgeregt, dass unsere Politiker nur allzu lang an ihren Posten kleben bleiben und nichts anderes im Leben kennen als ihre Polit-Karriere. Nun treten einige von ihnen ab. Nicht, dass das irgendjemand anerkennte, dass irgendjemand sich in der eher links tendierenden Presse daran erinnerte, wie sehr er vor allem Dieter Althaus und Roland Koch dringend zum Abtreten aufgefordert hatte. Mit einem Mal galten diese Ministerpräsidenten kollektiv als Weicheier, die nicht die Nerven hatten, bis zum Todestag im Amt zu verharren, als ob gerade darin das Ideal politischer Pflichterfüllung liege. Man fragt sich, wo diese Journalisten ihre Fähigkeit zum nüchternen, selbstständigen und konstanten Urteil abgegeben haben. Man kann solche Publizistik nicht ernst nehmen.

Es sei denn, man entdeckte den Basso ostinato, den sturen Grundton hinter all diesem Getue: Die Kanzlerin kann machen, was sie will – es ist falsch. Wulff im ersten Wahlgang durchsetzen – falsch. Erst im dritten Wahlgang – auch falsch. Althaus stützen – falsch. Koch fördern – auch falsch. Beide ziehen lassen – erst recht falsch. Wer dauernd so redet und schreibt, dem glaubt man nicht einmal, wenn er mal etwas zu Recht kritisiert. Aber kritisiert man diese Art von Journalismus – ist es auch wieder falsch.

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