Gastkommentar : Honeckers Erbinnen

Würden wir von Angela Merkel reden, wenn die DDR noch DDR wäre? Die DDR hat die Frauen gestärkt – aber erst nach der Wende. Die DDR legte ihren starken Frauen Zügel an, meint der ehemalige Dissident Lutz Rathenow.

Lutz Rathenow
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der letzte Internationale Frauentag im März und der bevorstehende Muttertag im Mai erzeugten kürzlich in einer Gruppe die Diskussion, welcher von beiden Anlässen wichtiger sei. Im Nu war es eine Diskussion über die Rolle der Frauen in der DDR: dem Land der starken Frauen, die ihre Stärke oft lieber unauffällig lebten. Nein, nicht nach dem Spruch auf einem alten Schmuckteller, den meine Eltern über der Wohnzimmertür hängen ließen: Der Mann ist das Haupt, sein Wille muss geschehen, die Frau ist der Hals, sie weiß das Haupt zu drehen. Dazu brauchte das Land zu sehr Arbeitskräfte und versuchte seinen Frauen auch Jobs schmackhaft zu machen, die gar nicht dem alten Rollenbild entsprachen.

Sah so die Befreiung der Frau aus? Sie verdiente eigenes Geld, ging locker(er) sexuelle Beziehungen ein, die Pille gab es ab 16 kostenfrei, ab den 70er Jahren war ein Schwangerschaftsabbruch kein Problem. Jedenfalls durfte die Beratung in der Klinik keines daraus machen, wenn es nicht medizinische Probleme gab. Von allen religiösen Banden schien die Frau schon von Staats wegen befreit zu sein, wenn sie dies wollte. Frau heiratete sehr früh und ließ sich häufiger als im Westen scheiden.

Spätestens dann, und wenn ein Kind da war, blieb die zeitliche und materielle Hauptbelastung für die Kindererziehung aber bei der Frau. Und der Beruf – zuerst ein Mantel zur Selbstverwirklichung – erwies sich als Zwangsjacke. Man musste einfach arbeiten, auch mit Kind, es gab kein Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe. Irgendeinen Job vermittelte das Amt immer. Bei Asozialität – bewusster Nicht-Arbeit – drohten Gefängnis und dem Kind schlimmstenfalls das Heim. Der tatsächliche Grad der Emanzipation hing sehr mit der tatsächlichen Qualität der Arbeit zusammen, vom Selbstverwirklichungseffekt, den Medizinerinnen, Lehrerinnen oder Handwerkerinnen spürten.

Dagegen war fast die gesamte Führungsriege der DDR männlich. Polizei und Staatssicherheit vermuteten bis in die 80er Jahre bei jeder ungenehmigten politischen Aktion von Frauen einen männlichen Hintergrund und versuchten Beziehungen oder sexuelle Abhängigkeiten zu ermitteln. Dann machte die unabhängige Frauenbewegung auf sich aufmerksam – Bärbel Bohley oder Ulrike Poppe hatten etwas von den Grünen und Feministinnen aus dem Westen gelernt. Aber sie führten auch ein Selbstbewusstsein weiter, das durch eine Autorin wie Christa Wolf oder eine Rocksängerin wie Tamara Danz bereits öffentlich vorhanden war.

Die große Erfolgsdomäne der Frauen: der Sport. Gehörte die DDR zu den erfolgreichsten Sportnationen, so hatte sie das vor allem ihren Frauen zu verdanken – Doping erklärt da nicht alles. Von den vielen Athletinnen wurden nur wenige so berühmt wie die Eiskunstläuferin Katarina Witt. Das „schöne Gesicht des Sozialismus“ überzeugte sportlich schon damals, doch so richtig selbstbewusst – eben ganz Weltstar – erlebten wir sie erst nach dem Mauerfall: sympathisch,erotisch, intelligent. Die DDR legte ihren starken Frauen eben auch Zügel an.

Und so würden wir kaum von Angela Merkel reden, wenn die DDR noch DDR wäre. Sie hatte sich auf eine beruflich solide, aber konsequent nichtöffentliche Existenz eingestellt und hätte diesen Lebensplan als Wissenschaftlerin sicher so verwirklicht. Heute verlassen viele Frauen die wirtschaftlich schwierigen Gegenden des Ostens. Die entschlussfreudige Wegzugsbereitschaft als positiv nachwirkendes DDR-Erbe? Hat die DDR ihre Frauen mehr als ihre Männer ungewollt für den Westen mental fit gemacht?

Und dann waren da noch die politischen Mit-Herrinnen: Die Richterin Hilde Benjamin mit ihren Todesurteilen schon in den 50ern, vor allem aber die Volksbildungsministerin Margot Honecker waren für viele das kalte und böse machtpolitische Gewissen der DDR. Die Ehefrau des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden lebt ja noch, in Chile, und weigert sich, die Urne mit der Asche ihres Mannes zur Beerdigung freizugeben. Ihrem letzten Buch ist klar zu entnehmen: Erst, wenn der Sozialismus wieder in Deutschland gesiegt hat, schreibt sie, werde Erich Honecker dort beerdigt. Die letzte Drohung der DDR ist dann doch weiblich.

Der Autor, einst DDR-Dissident, lebt als Schriftsteller in Berlin.

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