Gastkommentar : Integration ist kein Straßenfest

Das Nebeneinander von Menschen verschiedener Herkunft überfordert uns seit jeher und ganz besonders jetzt. Der Dialog mit dem Islam sollte ernsthafter geführt werden, meint Özcan Mutlu, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.

Özcan Mutlu
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Nebeneinander von Menschen verschiedener Herkunft überfordert uns seit jeher und ganz besonders jetzt. Die sprachliche, wirtschaftliche, soziale und politische Integration sei gescheitert und das politisch korrekte Gutmenschengerede von „Multikulti“ einzustellen. Seit geraumer Zeit ist noch das Thema Religion in den Mittelpunkt gerückt. Der "Islam" prägt die Debatte, wie auch das jüngste Minarettverbot in der Schweiz zeigt.

Spätestens seit dem 11. September 2001 befindet sich der Islam in der Schusslinie. Und zwar deswegen, weil sich durch dieses nach wie vor unfassliche Ereignis die westlichen Gesellschaften in der Schusslinie des Islams fühlen. Jeder Terroranschlag, der seitdem von Islamisten irgendwo auf der Welt verübt wurde, hat die Konturen dieses Feindbildes geschärft.

Deshalb muss immer wieder an den Gemeinplatz erinnert werden, dass der sogenannte „islamistische Terror“ und der Islam keineswegs identisch sind. Die wenigsten bei uns lebenden Moslems vertreten einen antiliberalen, antiwestlichen Islam. Die überwältigende Mehrheit erkennt die Verfassung der Bundesrepublik an und ist in der Gesellschaft angekommen. Religiöser Fanatismus ist ihnen genauso fremd wie zum Beispiel den allermeisten Katholiken hierzulande. Abgesehen davon lebt der Großteil der Muslime einfach nur unprätentiös seine angestammte Religion, wie es Protestanten, Katholiken und Anhänger sonstiger Religionen auch tun. Und daran ist nichts auszusetzen!

Der Dialog und die Auseinandersetzung mit dem Islam in Europa sind keine Terrorprävention, aber dennoch bitter notwendig. Diese Auseinandersetzung als verhärteten Kulturkampf zu führen, wäre genauso fatal wie ein von falsch verstandener Toleranz weichgespülter Scheindialog, der allen echten Konfliktfeldern zwischen westlicher Moderne und traditionell-religiösen Vorstellungen aus dem Wege geht. Ein Islam jedoch, der sich eben auch im Zuge eines solchen Dialoges einen eigenständigen Platz in der europäischen Kultur erarbeitet, wäre für fanatische Gestörte ein ungeeignetes Rekrutierungsfeld. Insofern könnte ein intelligenter Dialog mittelfristig einen wichtigen Beitrag zur Terrorprävention leisten. Der wechselseitige Respekt und die Anerkennung der Andersartigkeit ist dabei ein wichtiger Beitrag. Daher war die Einberufung der Islamkonferenz richtig und wichtig. Jetzt müssen Taten folgen. Dazu zählt die Anerkennung von Moscheen samt Minarett genauso wie die interreligiöse Unterweisung in den Schulen.

Die Notwendigkeit des Dialogs mit den in der Bundesrepublik lebenden Muslimen liegt auf der Hand, besonders wenn ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft angestrebt wird und Integration gewollt ist. Allerdings sind bei der Mehrheitsgesellschaft Tendenzen zu beobachten, die derart von Naivität geprägt sind, dass der interreligiöse Dialog zu einer Farce und damit zu einer Gefahr zu werden droht.

Was meiner Meinung nach jedoch kein Beitrag für ein friedvolles Miteinander ist, sind undifferenzierte Schuldzuweisungen von selbsternannten Experten und die aus bestimmten politischen Richtungen immer wieder zu hörende Forderung nach schärferen Sicherheitsgesetzen. Die bestehenden Instrumente und Gesetze reichen völlig aus. Einschränkungen von Freiheit und Bürgerrechten stellen eine falsche Antwort dar. Sie führen zur Stigmatisierung und machen den Dialog unmöglich.

Niemand bestreitet, dass es Probleme gibt. Einwanderungsgesellschaften sind selten frei von Konflikten. Integration ist kein fortwährendes Straßenfest, sondern ein wechselseitiger dynamischer Prozess. Für dessen Gelingen sind wir alle gemeinsam verantwortlich, egal woher unsere Eltern kommen oder welchem Glauben wir angehören.

Der Autor (Bündnis 90/Grüne) ist Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.

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