Gastkommentar : Militärischer Ruhm ist abgeschafft

Wo ist die "Tapferkeit vor dem Feind" geblieben, die früher die soldatische Ehre ausmachte? Mit einer neuen Auszeichnung versucht die Bundeswehr die Reste dieses Ethos zu retten - doch vergeblich.

Sibylle Tönnies
Foto: privat
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Heute ist es gar nicht mehr so leicht zu militärischen Ehren zu kommen. In den „Neuen Kriegen“ sind Soldaten oft jahrelang im Einsatz, ohne dass sie jemals ihre fest betonierte Stellung verlassen. Zum Trost verleiht man ihnen Ehrenzeichen, auch wenn sie niemals Pulverdampf gerochen haben. Wo ist die „Tapferkeit vor dem Feind“ geblieben, die früher die soldatische Ehre ausmachte?

Mit einer neuen Auszeichnung will die Bundeswehr die Reste dieses Ethos jetzt retten. In der vorigen Woche wurde eine Sondermedaille gestiftet, mit der Soldaten ausgezeichnet werden sollen, die „mindestens einmal aktiv an Gefechtshandlungen teilgenommen oder unter hoher persönlicher Gefährdung terroristische oder militärische Gewalt erlitten“ haben. Die neue „Gefechtsmedaille“ kann auch posthum verliehen werden.

Es führt aber kein Weg zurück. Schon das Wort „Gefecht“ passt nicht mehr. Nicht nur, weil heute geschossen wird. Das Gefecht ist durch das gleiche Risiko für die beiden kämpfenden Seiten gekennzeichnet. Aus dieser Symmetrie des Risikos entnahm das alte Ethos die Legitimation des Tötens. „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!“ Mit dem sportlich-fairen Charakter des Kampfes rechtfertigte sich der Bruch des Tötungstabus. Anders das polizeiliche Ethos, das noch nie in dieser Symmetrie stand. Bei einem Polizeieinsatz gibt es keine Fronten und keinen Sieg; durch ein Waffenmonopol wird Sicherheit und Ordnung hergestellt. Sollte es dabei zu einem „finalen Todesschuss“ kommen, wird der Schütze nicht geehrt, sondern anonymisiert und therapiert.

Ein solcher Einsatz bietet kein Feld der Ehre. Aus diesem Grund hat sich das Militär immer für etwas Besseres gehalten. Dieser Hochmut hat aber seine Grundlage verloren. Die „Neuen Kriege“ besitzen genauso wenig wie Polizeieinsätze die Symmetrie, auf deren Grundlage früher einmal Ruhm erworben werden konnte. Der Sache nach sind die „Neuen Kriege“ Polizeieinsätze. Die Gegner sind keine Staaten, sondern private Gewalten. Sie sind keine Feinde, sondern Rebellen. Auf diesen Unterschied wurde bei der Definition des Krieges im Völkerrecht immer der größte Wert gelegt. In der Rousseau’schen Formulierung, dass der Krieg eine Beziehung zwischen Staaten ist, wurde die Unterscheidung tradiert. Sie wird jetzt verwischt. Man betont zwar die Asymmetrie der „Neuen Kriege“, will sie aber dennoch unter keinen Umständen als Polizeieinsätze auffassen und damit dem militärischen Ethos entziehen. Mit der neuen Medaille strebt man sogar in die alte Ehre des heroischen Zeitalters zurück.

In welchem Zusammenhang betont man die Asymmetrie der „Neuen Kriege“? In dem bedeutendsten: Die Nato schließt aus der Tatsache, dass sich diese Kriege gegen „private Gewalten“ richten, dass weder das Angriffskriegsverbot der UN-Charta noch die Genfer Konvention beachtet werden müssen. Völkerrechtlich werden die „Neuen Kriege“ schon wie Polizeieinsätze behandelt. Beides kann man aber nicht haben – das internationale Kriegsrecht unter Hinweis auf die Asymmetrie der Auseinandersetzungen ausschalten und in den Kampfhandlungen Ruhm und Ehre gewinnen. Man muss aus der Asymmetrie die volle Konsequenz ziehen. Mit Recht nennt man die „Neuen Kriege“ post-heroisch. Wenn man dem Gegner nicht die Ehre gibt, ihn nach den Regeln des Völkerrechts zu behandeln, ist er – nach dem altem Ehrenkodex, in dem man sich wieder bewegen will – nicht „satisfaktionsfähig“. Ihn zu beseitigen ist ruhmlos. Der Verzicht auf militärischen Ruhm entspricht einer menschheitsgeschichtlichen Veränderung der Einstellung zum Töten. Die alte Verbindung zwischen Töten und Ehre löst sich auf. Das polizeiliche Ethos, das denjenigen, der einen Amokläufer töten musste, nicht ehrt, sondern anonymisiert, wird dem modernen Bewusstsein besser gerecht. Es ist kosmopolitisch; es ist mit einem universalen Menschenrechtsbewusstsein, das nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet, vereinbar. Keine Tapferkeitsmedaillen also, schon gar nicht posthum! In Sachen Tapferkeit und posthumer Ehre sind die Taliban nicht zu übertreffen.

Die Autorin ist Juristin und

unterrichtet an der Uni Potsdam.

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