Gastkommentar : Nachdenken am Grenzzaun

Nicht das Spiel "1378 (km)", sondern dessen Vorbild, die Realität, ist der Skandal. Insofern ist es besonders zynisch, wenn ausgerechnet Die Linke zu einem vergleichsweise harmlosen Spiel eine so ablehnende Haltung einnimmt.

Dagmar Schulze Heulig
Ist das Spiel 1378 (km) geschmacklos?
Ist das Spiel 1378 (km) geschmacklos?Foto: dpa

Das Spiel war kaum angekündigt, da schlugen die Wellen der Empörung schon hoch. „Zynisch und geschmacklos“ erschien es der Partei Die Linke, die sich damit in seltener Eintracht mit DDR-Opferverbänden und anderen Parteien befand.

Zur Erinnerung: das Spiel stellt die Situation an der ehemaligen innerdeutschen Grenze dar. Die Spieler können sich entscheiden, ob sie ein Mitglied der Grenztruppen oder eine flüchtende Person spielen wollen. Als Flüchtling müssen sie versuchen, die Grenze zu überwinden, als Grenzer müssen sie genau das verhindern. Dabei haben sie die Wahl, ob sie die Flüchtlinge verhaften oder erschießen. Wer sich zu oft für das Schießen entscheidet, bekommt dafür zwar einen Orden – aber auch die Quittung in Form von Punktverlust und Mauerschützenprozess. Spieleautor Jens Stober versuchte zu beschwichtigen: er habe niemanden verletzen wollen. Das Erscheinen des Spiels wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Doch ist „1378 (km)“ wirklich so geschmacklos, wie es dargestellt wird? Hat der Entwickler sein erklärtes Ziel, Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der Geschichte zu bewegen, so grundlegend verfehlt? Oder einen so falschen Weg dazu gewählt?

Die Vorwürfe lauten, verkürzt ausgedrückt, dass das Schießen auf und Töten von Menschen, die über die DDR-Grenze in den Westen zu fliehen versuchten, in diesem Medium und in dieser Darstellungsweise respektlos gegenüber den realen Opfern der entsprechenden realen Taten sei. Indem der Schießbefehl Gegenstand eines „Ballerspiels“ wird, werde dieses Unrecht verharmlost.

Nach allem, was bisher über das Spiel bekannt geworden ist, ist „1378 (km)“ jedenfalls kein stumpfes „Ballerspiel“, bei dem gewinnt, wer am meisten Gewalt anwendet oder die meisten Menschenfiguren erschossen hat.

Foto: privat
Foto: privat

Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn ein Computerspiel, in dem die Spieler auf Menschen symbolisierende Bildschirmfiguren schießen sollen, als geschmacklos bezeichnet wird. Das gilt besonders für Spiele, bei denen gewalttätiges Verhalten und Töten belohnt werden. Ein Computerspiel, bei dem solches Verhalten zwar möglich ist, aber auch negative Folgen hat, sollte man differenzierter beurteilen. Ebenso sollte man die Möglichkeit, dass dieses Spiel einen Beitrag zur politischen Bildung leisten könnte, nicht aus Prinzip verneinen. Zumindest der Ansatz, dies über ein Computerspiel als ein den Jugendlichen vertrautes und bei ihnen beliebtes Medium zu tun, ist bei einer Zielgruppe, die Politik und Geschichte oftmals mit Desinteresse begegnet, sicherlich nicht falsch.

Der 3. Oktober wäre kein schlechter Tag gewesen, um dieses Spiel zu veröffentlichen. Denn an diesem Tag sollten wir uns daran erinnern, wie die Realität des geteilten Deutschlands aussah und uns freuen, dass diese überwunden ist. Doch wie es scheint, sind wir mehr damit beschäftigt, uns über das Töten in einem Computerspiel aufzuregen als darüber, dass dieses Töten vor nicht allzu langer Zeit noch entsetzliche Realität war. Dabei kann ich, nach allem was bisher bekannt ist, in diesem Spiel keine Anleitung zum „Abknallen“ von Flüchtlingen entdecken, sondern sehe darin tatsächlich eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte.

Persönlich hätte ich mir daher ein Erscheinen des Spiels am 9. November gewünscht. Denn bei allem Respekt vor jenen, die persönlich betroffen sind: nicht das Spiel, sondern dessen Vorbild, die Realität, ist der Skandal. Insofern ist es besonders zynisch, wenn ausgerechnet die Partei Die Linke zu einem vergleichsweise harmlosen Computerspiel eine so ablehnende Haltung einnimmt. Wäre nicht vielmehr zu wünschen, dass sich diese Partei gegenüber dem real existierenden Unrechtsstaat DDR mit seinem Grenzregime, das viele echte Menschen das echte Leben gekostet hat, so eindeutig positionierte?

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin.

28 Kommentare

Neuester Kommentar