Gastkommentar : Schnellkurs in Revolutionsdynamik

Das Volk steht auf gegen die alten Herrscher, doch wie soll es nach der Revolution in Tunesien und Ägypten weitergehen? Die Geschichte lehrt, dass auf eine Phase der Liberalität nach Revolutionen oft schnell ein totalitäres Regime folgt. Ein Gastkommentar.

Michael Wolffsohn
Michael Wolffsohn.
Michael Wolffsohn.Foto: dpa

Nach Hosni Mubarak und Zine el-Abidine Ben Ali wird es in Ägypten sowie in Tunesien – und danach in anderen arabischen Staaten – so weitergehen wie bei anderen großen Revolutionen der Neuzeit: der Französischen Revolution von 1789, der Russischen Oktoberrevolution 1917 und der Iranischen Revolution von 1979. „Nichts Neues unter der Sonne.“ Die Zukunft kennt, wer um die Vergangenheit(en) weiß, also die Geschichte, denn Menschen erfinden sich nicht neu.

Träger jener Revolutionen war damals und ist heute das Bürgertum, die gemäßigte „Bourgeoisie“. Beim ersten Schritt der Revolution werden die vorher Mächtigen entmachtet. Dem Sturm auf die Pariser Bastille folgte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Nach der Entmachtung und Enthauptung des Königs klapperte dann die Guillotine. „Ordnung“, doch keine Ruhe, dazu noch Kriege brachte Napoleon. Durch Kriege wurde er entmachtet. Es folgte die Restauration. Auf die Herrschaft des demokratischen Bürgertums musste lange gewartet werden.

In Russland folgte dem Zaren im März 1917 der bürgerliche Kerenski. In Ägypten heißt er heute Mohammed el-Baradei. Lange konnte sich Kerenski nicht halten. Die Lenin & Co-Verbrecher übernahmen die Macht im Oktober 1917. Noch schlimmer wurde es unter Stalin. Seine totalitären Nachfolger hielten sich lange, und nur Ex-Kanzler Gerhard Schröder hält den heute starken Mann in Russland, Vladimir Putin, für einen „lupenreinen Demokraten“.

Ajatollah Ruhollah Chomeinis erster Premier war 1979 der gemäßigte Mehdi Bazargan. Schnell war er „vom Fenster“. Der gemäßigte Abulhassan Bani Sadr wurde im Februar 1980 mit 79 Prozent der Stimmen ganz demokratisch zum ersten Präsidenten der Islamischen Republik Iran gewählt. Im Juli 1981 floh er nach Frankreich, um sein Leben zu retten. Inzwischen herrschen im Iran das Militär und die Mullahs. Menschenrechte und Demokratie?

Das Muster ist klar: Schritt eins ist die Befreiung. Beim zweiten Schritt übernehmen die Gemäßigten. Die Erwartungen der Bevölkerung sind riesig und können nicht schnell genug erfüllt, die erhoffte „Ware“ – sprich: Lebensverbesserung – kann nicht sofort „geliefert“ werden. Nun schlägt die Stunde der Radikalen, Schritt drei. Sie übernehmen das Ruder und verdrängen die Gemäßigten. Dagegen bäumen diese sich auf. Vergeblich. Das Radikalen-Regime greift zu Unterdrückung und Terror. Das gemäßigte Bürgertum hat statt Teufel nun Beelzebub.

Warum sollte es in Ägypten und Tunesien anders sein? Im Iran war Demokratie der erste Schritt zu Islamismus und Terror. Bei den Palästinensern entwickelte es sich ähnlich. Die Hamas-Islamisten gewannen im Januar 2006 die Wahlen ganz demokratisch.

Der Abgang von Ben Ali, Mubarak – und womöglich bald auch des jordanischen und saudischen Königshauses – ist kein Grund zum Jubeln. Doch, sagen bei uns die meisten und verweisen auf die Friedliche Revolution von 1989. Sie übersehen zweierlei: Hinter den entmachteten Kommunisten standen keine totalitären Kräfte, und außerhalb Europas verlief der Zerfall der Sowjetunion weder demokratisch noch friedlich.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

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