Gastkommentar : Warum Frauen selten an die Spitze kommen

Es gibt unergründete Bereiche. Einer ist die Unterrepräsentation von Frauen in akademischen Führungspositionen. Warum das so ist, ist kaum untersucht. Ein Kommentar.

Antje Boetius

Um die Unterwasserwelt zu verstehen, verbringen Tiefseeforscher viel Zeit damit, nach Mustern in der Verteilung von Lebewesen und ihren Ursachen zu suchen. Zum Beispiel wurden in Fängen von Anglerfischen aus der Tiefsee zunächst nur Weibchen gefunden. Dann zeigte sich, dass die Männchen als samenspendende Zwerge am Weibchen festwachsen. Das hat einen evolutiven Vorteil: in der riesigen Tiefseewüste müssen beide nicht nacheinander suchen.

Auch in unserer Gesellschaft gibt es unergründete Bereiche. Einer ist die Unterrepräsentation von Frauen in akademischen Führungspositionen. Nur 15 Prozent der Fahrtleiter auf deutschen Forschungsschiffen sind Frauen, von allen DFG-Neuanträgen 2009 waren nur zwölf Prozent von Frauen eingereicht, nur neun Prozent Antragstellerinnen waren an der Exzellenzinitiative beteiligt, es gibt nur acht Prozent Max-Planck-Direktorinnen. Dabei sind 42 Prozent aller Promotionen von Frauen. Mit jeder weiteren Stufe auf der naturwissenschaftlichen Karriereleiter sinkt die Chance von Frauen aufzusteigen. Man nennt das „Geschlechterschere“. Obwohl es in Deutschland an akademischem Personal mangelt und Frauen bis über das 30. Lebensjahr hinaus auf höchstem Niveau ausgebildet werden, schaffen es viele nicht auf den Arbeitsmarkt für Führungskräfte. Das ist nicht nur unbefriedigend, es ist teuer! Und es verstößt gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung.

Die Ursachen? Ein evolutiver Vorteil für den Homo sapiens kann ausgeschlossen werden – andere Länder wie USA, Spanien und Frankreich haben längst eine viel höhere Beteiligung von Frauen in akademischen Spitzenpositionen erreicht. Das Problem ist deutsch. Die am häufigsten genannte Erklärung ist eine weibliche Priorisierung von Kindern und Familie vor dem Beruf. Aber da der relative Anteil männlicher und weiblicher Führungskräfte mit Kindern ähnlich hoch ist (etwa 60 Prozent), kann das höchstens ein Aspekt der Problematik sein. Andere Hypothesen sind: ein durch Erziehung ausgeprägter Mangel an Alpha-Male-Skills wie Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein und laute Stimme und ein Mangel an weiblichen Vorbildern, gepaart mit unterschwelliger Benachteiligung durch männliche Dominanz in der Chefetage. Schließlich der Mangel an sozialen Netzwerken, bedingt durch die geringere Neigung von Frauen, den Feierabend in der Kneipe zu verbringen.

Für die Tiefseeforscherin in mir zählen vor allem harte Daten – nach denen muss man aber suchen wie nach dem unbekannten Riesenkraken. Es fehlt in Deutschland eine große Untersuchung zu Zielen, Entscheidungen und Wertevorstellungen von Akademikerinnen und Akademikern in allen Stadien der Laufbahn. In den USA beschäftigt die Gender-Forschung die allerbesten Universitäten. Sie zeigt die Relevanz simpler soziobiologischer Verhaltensweisen: Das Ähnliche ist uns stets näher. Vorbilder sind entscheidend. So garantiert die Anwesenheit von Akademikerinnen in Berufungsausschüssen eine signifikant höhere Chance, geeignete Frauen einzustellen. Die Anwesenheit von Professorinnen befördert eine signifikant höhere Anzahl von Doktorandinnen auf Assistenzstellen. Auf Basis der derzeitigen Fördermaßnahmen zur Chancengleichheit können wir in Deutschland einen Zuwachs von Frauen auf Lehrstühlen von ein Prozent pro Jahr erwarten. Das ist viel zu langsam. Deutschland schwimmt nicht nur bei Hochschulabschlüssen hinterher, sondern auch im internationalen Ranking von Universitäten sowie als attraktiver Arbeitsplatz für internationale Forscher. Politik und Gesellschaft bleibt nur eines: Universitäten und Forschungsinstituten schnellstens Mittel zu verschaffen, um vielversprechende Kandidatinnen ganz gezielt anzulocken und festzuhalten wie Anglerfische ihre Partner. Die Vermehrung ihres wissenschaftlichen Nachwuchses wäre gesichert.

Die Autorin ist Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen und Trägerin des Leibniz-Forschungspreises.

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