Gastkommentar : Was 9/11 für die internationale Politik bedeutet

Der 11. September 2001 hat die westliche Politik verändert - aber nicht die Welt, analysiert Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Jetzt wäre es an der Zeit, den Kurs zu korrigieren.

Volker Perthes
Die Auswirkungen der Terroranschläge gingen weit über die Grenzen der USA hinaus.
Die Auswirkungen der Terroranschläge gingen weit über die Grenzen der USA hinaus.Foto: Reuters

Zwar hat sich die Welt seit dem Jahr 2001 dramatisch gewandelt, aber die vor zehn Jahren von Politikern und Journalisten so sicher formulierte Behauptung, nach dem 11. September werde „nichts mehr so sein wie zuvor“, hat sich so nicht bewahrheitet. Der Aufstieg von Ländern wie China, Indien oder Brasilien, die Finanz- und Verschuldungskrise sowie der arabische Frühling haben die Welt deutlich stärker verändert als die Anschläge vor zehn Jahren.

Natürlich haben die Attentate die Politik einzelner Länder ebenso wie die der Staatengemeinschaft beeinflusst. Aber eine Dekade danach lässt sich deutlich zwischen den temporären und den langfristigen Folgen dieser Ereignisse unterscheiden. Dabei fallen drei Aspekte ins Gewicht: der amerikanische Unilateralismus; die Politik des Regimewechsels; die Fokussierung der Außenpolitik sowohl in den USA als auch in Europa auf den Aspekt der Sicherheit, besonders was die islamische Welt betrifft.

US-Unilateralismus dominierte die ersten zwei, drei Jahre nach den Anschlägen. So wollte die Regierung von George W. Bush in Afghanistan ursprünglich gar keine Unterstützung durch ihre Verbündeten; im Irak handelte sie sogar gegen den Ratschlag vieler befreundeter Staaten. Zu diesem Zeitpunkt gerierten sich die USA wie ein Imperium, verletzt aber stark, das keinerlei Wert auf Allianzen oder die Meinung anderer legte. Den übrigen Staaten blieb nur die Entscheidung „für oder gegen uns“, und entsprechend wurden sie auch behandelt.

Doch diese unilateralistische Haltung hielt nicht lange vor. Die Schwierigkeiten im Irak und in Afghanistan, anhaltende Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen im arabisch-israelischen Konflikt, der Atomstreit mit dem Iran, der Aufstieg Chinas und anderer „neuer“ Mächte, ebenso wie der Kollaps von Lehman Brothers und die Finanzkrise – all das ließ Washington die Nato, seine Partnerschaft mit der EU und schließlich auch den Wert des Multilateralismus an sich wiederentdecken. Erinnern wir uns: Die G20 wurden noch unter Präsident Bush als wichtigstes Forum für globale Wirtschaftspolitik institutionalisiert. Barack Obama ließ diese veränderte Haltung dann in der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2010 konkret ausformulieren – amerikanische Führung würde künftig stärker auf Kooperation ausgerichtet sein müssen: „Kein Land, wie mächtig es auch sein mag, kann die globalen Herausforderungen alleine meistern“.

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