Gastkommentar : Wer arabische Despoten stützt, fördert Al Qaida

Das Terror-Netzwerk ist geschwächt, schreibt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Warum der Westen trotzdem seine Politik gegenüber arabischen Regimen überdenken sollte.

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Muammar al Gaddafi
Am Ende der Betonröhren soll Gaddafi in die Hände der Rebellen gefallen sein. Noch lebend. Später hieß es, er sei seinen Verletzungen erlegen. Zum Beweis wurden Bilder des Toten versendet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 38Fotos: AFP, rtr
20.10.2011 17:34Am Ende der Betonröhren soll Gaddafi in die Hände der Rebellen gefallen sein. Noch lebend. Später hieß es, er sei seinen...

Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist Al Qaida stark geschwächt. Neben dem Tod von Osama bin Laden im Mai 2011 hat die Terrororganisation in den vergangenen Monaten gerade in ihren Heimatländern in der arabischen Welt dramatische Niederlagen einstecken müssen. Bei keiner der Unruhen, die dort seit Jahresbeginn ausgebrochen sind, spielte sie eine nennenswerte Rolle. Nichts zeigt deutlicher, wie irrelevant die Organisation mitsamt ihrer Ideologie dort geworden ist.

Dass die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen dennoch nicht das Ende der Al Qaida bedeuten, liegt vor allem daran, dass mit dem Wegfall autoritärer Herrscher in Kairo, Tunis und Tripolis sowie mit der Schwächung von Regimen in Syrien und dem Jemen inklusive deren Sicherheitsapparate die Operationsmöglichkeiten der Organisation in der arabischen Welt besser sind denn je. Vor allem ihre regionalen Ableger im Jemen, im Irak und in Algerien dürften deshalb noch einige Jahre eine Bedrohung darstellen.

 Aufgrund dieser anhaltenden terroristischen Bedrohung sowie der Instabilität der Regime in der arabischen Welt sollte die bisherige Politik gegenüber der Region überprüft werden. 2001 hatte die USA und deren europäische Verbündete die Bedrohung durch Al Qaida dazu bewogen, die Sicherheitszusammenarbeit mit diesen autoritären Regimen auszubauen. Dabei war Al Qaida gerade in der Auseinandersetzung mit den Diktaturen der arabischen Welt entstanden. Ihr bis heute starker ägyptischer Flügel beispielsweise ging aus dem militanten Teil der ägyptischen islamistischen Opposition hervor, der sich auch angesichts brutaler staatlicher Repression radikalisierte.

Revolution in Ägypten
Tanzen auch auf Panzern: Die Armee hat sich während der Proteste gegen Präsident Mubarak zurückgehalten. Nach dessen Rückzug feiern auch die Soldaten mit.Weitere Bilder anzeigen
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12.02.2011 10:47Tanzen auch auf Panzern: Die Armee hat sich während der Proteste gegen Präsident Mubarak zurückgehalten. Nach dessen Rückzug...

 Die Kooperation mit autoritären Regimen hat der Glaubwürdigkeit des Westens geschadet

Autoritarismus ist eine der wichtigsten Ursachen des islamistischen Terrorismus. Eine verstärkte Kooperation mit diesen Regimen im Kampf gegen deren Opposition trug also vielmehr zu einer Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze bei und ließ zugleich westliche Bekenntnisse zu Demokratie und Menschenrechten unglaubwürdig erscheinen.

Eine weitere Folge dieser Politik lässt sich mittlerweile am Fall Libyens studieren. In der Zentrale des libyschen Geheimdienstes fanden sich sehr detaillierte Belege für eine Zusammenarbeit von CIA und MI6 mit den Geheimdienstlern des Gaddafi-Regimes. Im Jahr 2004 lieferten die USA die beiden Führer der Libyschen Islamischen Kämpfenden Gruppe (LIKG), der wichtigsten lokalen Jihadistengruppe, an Tripolis aus. Die LIKG hielt sich zwar in Afghanistan auf, wollte aber, anders als Al Qaida, ausschließlich das Regime von Muammar al Gaddafi bekämpfen und lehnte Anschläge auf US-Ziele ab. Trotzdem lieferten die Amerikaner Abdallah Sadiq und Abu l-Mundhir as-Saidi an Libyen aus, wohl wissend, dass die beiden dort gefoltert werden würden. Dass dieser Vorgang infolge des Sturzes des Gaddafi-Regimes nun einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird führt zu einem massiven Glaubwürdigkeitsverlust der USA, denen nun Kumpanei mit demjenigen Regime vorgeworfen wird, zu dessen Sturz sie gerade erst maßgeblich beigetragen haben.

Lesen Sie auf Seite zwei, wie der Westen und der Nahe Osten zusammenarbeiten könnten.

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