Integration : Deutsche Leidkultur

Wen will man eigentlich integrieren? Menschen werden auf einen Migrationshintergrund festgenagelt, schreibt die Integrationsbeauftragte in Berlin-Mitte in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. Migranten sind aber keine defizitären Menschen, die man bekehren muss.

Maryam Stibenz
Schülerinnen einer Schule in Frankfurt am Main, die 2009 einen Integrationswettbewerb gewann.
Schülerinnen einer Schule in Frankfurt am Main, die 2009 einen Integrationswettbewerb gewann.Foto: dapd

Es heißt, Integration sei ein zielgerichteter Prozess. Was aber, wenn das Ziel nicht genau definiert werden kann? Dann droht der Prozess zum Selbstzweck zu degenerieren, und die Agenten des Prozesses haben die Tendenz, sich zu verselbstständigen. Das System, in dem Integrationspolitik agiert, ist also mit nicht zu unterschätzenden Fehlentwicklungen behaftet. Weder ist der Integrationsbegriff klar definiert, noch gibt Integrationspolitik eine Antwort darauf, wen man wohin integrieren möchte. Und doch hat diese Politik eine Mission – aber eben ohne eine auf die demokratische Entwicklung der Gesellschaft ausgerichtete Vision.

Auf die Frage nach dem „Wohin integrieren?“ haben manche Experten eine geradezu waghalsige Konstruktion parat. Es wird in die „deutsche Leitkultur“ integriert, sagen sie, die angeblich auf einer christlich-jüdischen Tradition basiert. Flugs wird die jüdische Kultur von diesen Integrationsverfechtern eingemeindet und als Verbündete gegen die angeblich wesensfremde islamische Kultur in Stellung gebracht. Eingedenk der jüngsten deutsch-jüdischen Vergangenheit könnte man – ironisch betrachtet – dem Islam dankbar sein, dass er ein Bündnis zwischen der christlichen und der jüdischen Tradition zustande gebracht hat. Umso begrüßenswerter ist es, dass der Zentralrat der Juden dieses Spiel nicht mitmacht, sondern im Gegenteil auf die neuerliche Vereinnahmung genauso überrascht reagiert wie andere auch.

Maryam Stibenz, Integrationsbeauftragte im Berliner Bezirk Mitte.
Maryam Stibenz, Integrationsbeauftragte im Berliner Bezirk Mitte.Foto: promo

Bleibt die Frage nach dem Objekt der Integration. Wen will man eigentlich integrieren? Bei der Antwort auf diese Frage werden Menschen – auch wenn sie hier geboren sind – auf einen Migrationshintergrund festgenagelt. Zusätzlich wird die familienbiografische Tatsache der Zuwanderungsgeschichte mit sozialen und kulturellen Faktoren in Zusammenhang gebracht. Komplexe biografische Entwicklungen werden dadurch defizitär kulturalisiert und ethnisiert. Mittlerweile ist es offensichtlich, dass der Begriff „Migrationshintergrund“ negativ besetzt ist und zur soziokulturellen Ausgrenzung benutzt werden kann. Mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ werden nicht die Menschen gekennzeichnet, die aus weißen, christlich-abendländischen Familienverhältnissen kommen. Der Begriff markiert vielmehr die, deren Anderssein man als defizitär brandmarken möchte. In diesem Zusammenhang kann man Integrationspolitik mit einer Religion vergleichen, die die Bekehrung „dieser defizitären Menschen“ zum Ziel hat.

Es ist höchste Zeit, dass Deutschland sich dazu bekennt, ein Einwanderungsland zu sein. Gleichzeitig müssen sich staatliche Organe und alle Bürger den Herausforderungen stellen, die sich daraus ergeben, dass es immer mehr Menschen gibt, die einfach dazugehören, die nicht mehr integriert werden müssen und die nicht auf ihren Migrationshintergrund reduziert werden dürfen. Die Realität in Deutschland hat sich längst verändert, doch das Bild, das diese Gesellschaft sich von sich selbst macht, gleicht immer mehr einer rückwärtsgewandten Utopie.

Solcher Art Realitätsverweigerung boykottiert die kulturelle Neuaushandlung und den gesellschaftlichen Umbau der Einwanderungsgesellschaft. Wir brauchen kein Integrationsgesetz, das die Gesellschaft in „Wir“ und „Ihr“ spaltet. Auf dem Boden des Grundgesetzes muss die Einheit der Vielfalt definiert und organisiert werden. Staat und Gesellschaft müssen die Organisationsstrukturen dahingehend überarbeiten, dass eine chancengleiche Partizipation direkt für alle, unabhängig von ihrer Herkunft, möglich ist.

Es ist an der Zeit, eine konzeptionell klar angelegte Politik der interkulturellen Öffnung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche zu entwickeln und konsequent umzusetzen.

Die Autorin ist Integrationsbeauftragte im Berliner Bezirk Mitte.

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