Internet-Aktivist : Jeff Jarvis: "Ihr Deutschen, seid öffentlicher"
01.12.2011 14:32 UhrDas Verpixelungsrecht bei Google-Street-View ist gefährlich
Wir wissen nicht, welche Form unsere zukünftige Welt haben wird. Wir haben gerade erst begonnen, sie aufzubauen. Also bitte ich Sie, sicherzustellen, dass wir auch die Instrumente, die wir dafür brauchen haben - mit aller Schlagkraft dieser Werkzeuge. Ich bitte Sie, auch die unbeabsichtigten Folgen von wohlmeinender Regulierung zu berücksichtigen. Betrachten Sie doch mal diese Einschränkungen in der Privatsphäre:
- Das "Verpixelungsrecht", also das Recht, auf Google Street View etwas zu verpixeln, ist meiner Meinung nach ein gefährlicher Präzedenzfall für den öffentlichen Raum: Wenn man bei Google Unschärfen einbauen kann, können dann nicht auch Journalisten und Bürger mit denselben Argumenten unter Druck gesetzt werden, etwas nicht zu veröffentlichen? Einige sagen, Google dürfe kein Profit damit machen, dass es bloß die Ansicht des öffentlichen Raums anbietet. Sollte ein Künstler das dürfen? Und wenn eine Erlaubnis benötigt wird, wer erteilt die denn? Der Bewohner, der Besitzer, der Architekt, der Erbauer? Was sind die Prinzipien?
- In ihren vier Grundsätzen der Internet-Regulierung hat EU-Kommissarin Viviane Reding für ein Recht zu vergessen argumentiert. Das klingt verlockend. Aber was, wenn du mir das als Schriftsteller oder Verleger sagst, dass ich alles vergessen muss und löschen soll? Betrifft das dann nicht auch mein Recht auf freie Meinungsäußerung? Wollen wir wirklich den freien Fluss von Wissen stoppen, obwohl längst alles bekannt ist?
- Deutschlands Datenschutzbeauftragter, Peter Schaar, hat sich für Datenschutz-Standards stark gemacht. Aber wenn diese Standards auf sagen wir den Fotodienst Flickr übertragen werden, könnten die Menschen ihre Bilder nicht mehr teilen, Communities aufbauen und die Bilder als "witzig" markieren. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben die standardmäßig privat ist. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die standardmäßig sozial ist.
- In den Vereinigten Staaten, schränkt die "Children Online Privacy Protection Act", COPPA, Websites ein, Informationen von Kindern unter 13 Jahren zu verwenden. Auch dies klingt vernünftig. Aber es gibt unbeabsichtigte Folgen: Erstens bringen wir unseren Kindern lügen bei. Wissenschaftler Danah Boyd hat herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der 12-Jährigen Facebook-Seiten haben - und 76 Prozent davon erstellen ihren Account mit Hilfe ihrer Eltern. Die Eltern sagen, sie wollen nicht, dass die Regierungen die Entscheidung trifft, ob ihre Kinder das machen dürfen oder nicht. Die tatsächlichen Auswirkungen der COPPA, aus meiner Erfahrung ist, dass die Unternehmen keine Sites für Kinder machen, weil das Risiko zu groß ist. Das Ergebnis: Kinder werden am schlechtesten von der Online-Gesellschaft bedient. Das ist eine Tragödie.
- Es gibt Bemühungen, alle Online-Inhalte zu filtern, um Kinderpornografie in Österreich oder Piraterie in Belgien zu vereiteln. Ähnliche Tendenzen gibt es auch in den USA. Ich stimme mit dem Europäischen Gerichtshof überein, dass ein solches Gesetz keine Gültigkeit hat, denn es würde dem Internet-Geschäft schaden und es würde die Privatsphäre der Nutzer strapazieren und ihr Recht, Informationen frei auszutauschen.
- In den USA gibt es Bestrebungen, bestimmte Cookies automatisch zu löschen. Die unbeabsichtigte Folge wäre, das die Unterstützung für bestimmte Medien und Inhalte zurückgeht.
- Schließlich argumentierte Nicolas Sarkozy in Avignon vor Kurzem, dass die Kultur ein Verteilungsproblem hat. Ich sage, genau das Gegenteil ist richtig: Die Kultur hat ihr Verteilungsproblem gelöst, indem jeder überall ein Publikum finden kann. Ein Problem haben die Verteilungs-Unternehmen: Man braucht sie nicht mehr. Sarkozy versucht, die alten Medien und die alte Wirtschaft zu verteidigen, nicht die Kultur.
Das ist, was Macht macht: sich selbst verteidigen. Und das macht Technik: stören. Wir erleben einen Kampf zwischen Macht und Veränderung. Außerdem beobachten wir, unsere Bemühungen, die richtige Balance zwischen Privatem und Öffentlichem, dem Einzelnen und der Gemeinschaft zu finden.











