Klimakonferenz in Warschau : Polen kann es anders

Deutschlands östlicher Nachbar hat das Potential, wirtschaftlich in die europäische Champions League aufzusteigen. Dazu braucht es aber einen innovativen und emissionsarmen Motor.

Maciej Bukowski und Andrzej Kassenberg
Weg mit der Kohle: Aktivisten des World Wildlife Fund (WWF) protestieren in Warschau für den Ausbau erneuerbarer Energien.
Weg mit der Kohle: Aktivisten des World Wildlife Fund (WWF) protestieren in Warschau für den Ausbau erneuerbarer Energien.Foto: Reuters

Im Dezember dieses Jahres werden fünfundzwanzig Jahre vergangen sein, seit die damalige totalitäre polnische Regierung und das Parlament das sogenannte "Wolfsgesetz" angenommen haben. Dieses Dokument, welches seinerzeit das Wirtschaftsrecht in Polen liberalisierte, machte es Privatpersonen erheblich einfacher, kommerzielle Geschäfte zu betreiben. Nach Auffassung polnischer Ökonomen wurde gerade dieses Gesetz, das noch vor Beginn der Verhandlungen der Kommunisten mit der demokratischen Opposition am "Runden Tisch" eingeführt worden war,  zum Fundament für die Veränderungen der freien Marktwirtschaft in Polen.

Die damals begonnenen Veränderungen lösten in Polen ein Vierteljahrhundert einer dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung aus. In dieser Zeit hat Polen sowohl seine Produktivität als auch sein Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Heute liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf bei mehr als 13.000 Euro. Das sind zwei Drittel des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in der Europäischen Union – und kaufkraftbereinigt mehr als die Hälfte des entsprechenden Werts in Deutschland. Im Laufe der Umgestaltung veränderte sich auch die Struktur der polnischen Wirtschaft. Der Anteil der Landwirtschaft an der Wertschöpfung sank um zwei Drittel auf nur noch gut drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dafür entwickelte sich der Dienstleistungssektor dynamisch.

Die Jagd  dauert immerfort an

Indes dauert die Aufholjagd gegenüber den wirtschaftlich führenden Ländern der Europäischen Union weiter an. Laut Eurostat lag das kumulierte Wachstum des Bruttosozialprodukts Polens in den Jahren 2007 bis 2012 bei 18,2 Prozent – und war somit das höchste in der gesamten EU. Das Tempo, in dem sich diese Aufholjagd vollzieht, sinkt indes kontinuierlich. Die Wirtschaft Polens – geprägt von einfachen Dienstleistungen und Industrieerzeugnissen mittleren Innovationslevels – verliert ihren Schwung.

Der langsame Verlust des Tempos der Entwicklung bei langjährigen Wachstums-Favoriten – dieser jetzt im Falle Polens zu beobachtende Trend ist in keiner Weise neu. Wirtschaftsexperten beobachten bereits seit langem ein immer wiederkehrendes Phänomen: Erreicht eine Volkswirtschaft ein Entwicklungsniveau von etwa 50 bis 70 Prozent der Wirtschaftskraft der USA (als der weltweit größten Volkswirtschaft erreicht) droht in vielen Fällen Stagnation. Die Experten sprechen von der sogenannten middle-income trap, der Falle eines mittleren Pro-Kopf-Einkommens. Das Phänomen offenbart sich vor allem in fehlender Entwicklungsdynamik. Faktoren, welche die ursprüngliche rasante Aufholjagd beflügelt hatten, verlieren dabei an Schwungkraft – einstmalige Treiber wie niedrige Arbeitskosten, eine gesteigerte Effektivität der Verwaltung oder eine verbesserte Qualität von Bildung und Ausbildung scheinen sich erschöpft zu haben. Und gerade in Europa können wir zumindest einige Länder finden, die sich in derartigen Tälern der Stagnation befinden: Spanien, Italien oder Griechenland.

Doch eine Flucht aus der middle-income trap ist möglich. Das beste Beispiel dafür ist Finnland. Entscheidend hierbei ist die Suche nach neuen Wachstumsmotoren, die der jeweiligen Volkswirtschaft dauerhafte Wettbewerbsvorteile sichern, die auf etwas anderem als niedrigen Arbeits- und Lohnkosten basieren.

Umwandlung ist möglich, und die Polen wissen, wie dies zu tun ist

Für Polen besteht durchaus das Risiko, in der middle-income trap gefangen zu bleiben – und hat zugleich das Potential für mehr. Dies zeigen die Ergebnisse unserer Studie über die "Niedrig-Emissions-Wirtschaft Polen 2050". Um dieses Potential zu nutzen, gilt es 25 Jahre nach dem Ende des Sozialismus die Erfahrungen aus der vorangegangenen Transformation zu nutzen. Diese Anstrengung beruhte auf einer fundamentalen Umgestaltung der Wirtschaft. Die Ziele heute müssen in einer besseren Qualität der Institutionen und der Rechtsstaatlichkeit Rechts in Polen bestehen, wie das durchschnittliche Abschneiden Polens etwa im "Doing business"-Index der Weltbank belegt. Außerdem geht es um eine größere Innovationsorientierung der Wirtschaft, eine höhere Arbeitseffektivität, mehr Energieeffizienz und ein verbessertes Ressourcenmanagement.

Wirtschaftliches Wachstum ist bei gleichzeitiger Senkung der Emissionen möglich

Bessere Rechtsstaatlichkeit, effektive staatliche Institutionen, innovationsstarke Unternehmen und ein effizienterer Umgang mit natürlichen Ressourcen – ein solches Wirtschaftsmodell würde  einhergehen mit einem deutlichen Sinken der Emission von Treibhausgasen. In dem von uns bevorzugten Szenario, können diese bis Jahre 2050 um mindestens 60 Prozent gegenüber dem heutigen Stand  gesenkt werden.

Die Entwicklung Polens entsprechend dem durch uns bevorzugten Muster könnte ein Impuls für die Wirtschaft der gesamten Europäischen Union sein. Dies ist ein starkes Argument, diesen Weg auch tatsächlich einzuschlagen – und zwar ganz unabhängig von den europäischen Klimaschutzzielen. Niedrige Emissionen bei großer Wachsstumsstärke – für Polen gilt es, diesen Kurs jetzt in Angriff zu nehmen.


Dr. Andrzej Kassenberg ist Präsident des Instituts für nachhaltige Entwicklung, einer der ältesten polnischen Umwelt-Think Tanks.

Dr. Maciej Bukowski ist Präsident des Warschauer Instituts für Wirtschaftsforschung, einem der führenden wirtschaftspolitischen Forschungsinstitute Polens.

Mehr unter www.np2050.pl sowie www.facebook.com/np2050.

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