Klimaschutz : Symbole stoppen nicht die Erderwärmung

Beim Klima reden alle über das Zwei-Grad-Ziel, statt endlich zu handeln. Die EU sollte beweisen, dass die Transformation in eine CO2-arme Volkswirtschaft technologisch möglich und ökonomisch erfolgreich ist.

Oliver Geden
Foto: promo
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Wann immer Klimapolitiker aufeinander treffen, ist auf eines inzwischen Verlass: Sie bekräftigen stets das sogenannte Zwei-Grad-Ziel; so auch beim Weltklimagipfel in Cancun. Dieses Ziel ist eines der zentralen Symbole der internationalen Klimapolitik, auch wenn entsprechende Maßnahmen noch immer auf sich warten lassen. Selbst die EU, die die Zwei-Grad-Marke als Grenze zum gefährlichen Klimawandel definiert und mit Unterstützung prominenter Klimaforscher durchgesetzt hat, richtet ihre eigenen Pläne zur Emissionsminderung nicht danach aus.

Klimamodellen zufolge dürften schon allein die bisherigen Emissionen einen Temperaturanstieg von etwa 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau verursachen. Deshalb wären enorme Fortschritte in der internationalen Klimapolitik notwendig, um die Zwei-Grad-Grenze noch einzuhalten. Doch die UN-Verhandlungen verlaufen weiterhin schleppend, die globalen Emissionen steigen ungebremst an. Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass die derzeitige Klimapolitik auf einen Temperaturanstieg von 3,5 Grad hinausläuft.

Doch die Klimawissenschaften tun sich erkennbar schwer damit, das Zwei-Grad-Ziel infrage zu stellen. Zwar warnen sie schon seit geraumer Zeit, dass der Welt nur noch wenige Jahre zur Trendumkehr bleiben und dass die Emissionen danach stark zurückgehen müssen. Doch mit jedem enttäuschend verlaufenen Klimagipfel verschiebt sich der letztmögliche Zeitpunkt der Umkehr ein wenig weiter nach hinten, fällt die Emissionskurve anschließend immer drastischer ab. Klar ist: Sollte die Wissenschaft eines Tages dennoch postulieren müssen, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist, wird in der internationalen Klimapolitik sogleich die Suche nach einem neuen – ergo: abgeschwächten – Ziel beginnen.

An solch einer Entwicklung hat auch die EU keinerlei Interesse. Dass die USA, China und Indien das Zwei-Grad-Ziel nach jahrelangem Drängen schließlich akzeptiert haben, schreiben sich die Europäer als großen politischen Erfolg auf die Fahnen. Die Abkehr von diesem Ziel käme einem Eingeständnis des Scheiterns gleich. Zudem fürchtet die EU den Vorwurf der klimapolitischen Beliebigkeit, wenn sie für eine Erhöhung der Temperaturobergrenze auf 2,5 Grad plädieren würde.

Der wahrscheinlichste Weg aus diesem Dilemma: Klimaforscher und EU werden versuchen, eine flexiblere Interpretation des Zwei- Grad-Ziels zu etablieren, um es nicht aufgeben zu müssen. Die Temperaturmarke würde dann nicht länger als Obergrenze verstanden, die auf keinen Fall überschritten werden darf, sondern als langfristiges Stabilisierungsziel, über das die Welt zunächst einmal hinausschießen wird. Ob bis 2100 oder 2150, darüber ließe sich dann trefflich weiter verhandeln.

Für den Klimaschutz und die vom Klimawandel besonders betroffenen Weltregionen wäre damit wenig gewonnen. Wenn die EU nicht nur symbolische Erfolge erzielen, sondern reale Problemlösungen voranbringen will, braucht sie den Mut zum klimapolitischen Paradigmenwechsel. Naturwissenschaftlich betrachtet mag es angemessen sein, einen global einheitlichen Zielwert zu definieren, in der globalen Politik aber fehlen auf absehbare Sicht die Institutionen und Instrumente für eine wirksame Umsetzung.

Weit wichtiger als das Warten auf einen Weltklimavertrag und das Festhalten an einem Temperaturziel, an dem sich in der Praxis ohnehin kaum eine Regierung orientiert, wären konkrete Fortschritte bei der Minderung von Emissionen. Die EU sollte ihre globale Verantwortung dergestalt interpretieren, dass sie der Welt nicht auf der Ebene von Zielformulierungen, sondern mit ambitionierten Maßnahmen zu beweisen versucht, dass die Transformation in eine CO2-arme Volkswirtschaft technologisch möglich und ökonomisch erfolgreich ist, mit positiven Effekten nicht nur fürs Klima, sondern auch für die Versorgungssicherheit. Gelingt ihr dies, werden andere Industrie- und Schwellenländer schon aus Eigeninteresse folgen – falls nicht, dann hilft auch das Zwei-Grad-Ziel nicht weiter.

Der Autor ist Experte für EU-Klimapolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

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