Körpersprache : Warum Guttenbergs Pressekonferenz misslang

Geht die Strategie des Verteidigungsministers auf? Der Bochumer Psychotherapeut Ulrich Sollmann nimmt die Körpersprache von Guttenbergs umstrittener Pressekonferenz unter die Lupe.

Ulrich Sollmann
Abkupfern für den Doktortitel? Verteidigungsminister Guttenberg hat nach mehreren Bundeswehr-Affären ein Problem mehr: Er soll bei seiner Doktorarbeit Texte abgeschrieben haben, ohne das zu kennzeichnen.Alle Bilder anzeigen
Foto: dapd
21.02.2011 20:55Abkupfern für den Doktortitel? Verteidigungsminister Guttenberg hat nach mehreren Bundeswehr-Affären ein Problem mehr: Er soll bei...

Über Napoleon wird gesagt, dass er „die Massen dadurch magnetisieren konnte, indem er zu ihren Augen sprach“ (Virilio). Verteidigungsminister Guttenberg nutzte seine kommunikationspsychologische Chance bei der Pressekonferenz (PK) von diesem Freitag nicht. Er senkte zu oft und zu lange seinen Blick, als er zu den Medienvertretern sprach. Er blickte nicht in die Augen der Menschen in den Wohnzimmern der Republik, so dass sich diese, wie damals Napoleons Soldaten, persönlich hätten gesehen und angesprochen fühlen können.

Guttenbergs "Operation Pressekonferenz" ist misslungen! Wie war sein Auftritt im Einzelnen? Lassen Sie mich auch den nonverbalen Ausdruck des zweiminütigen Auftritts nachzeichnen.

Kontext:  zu Guttenberg behält durch die persönliche Auswahl der anwesenden Medienvertreter Verfügung über die Situation, indem er aber gleichzeitig die Distanz zur Medienöffentlichkeit verstärkt. Der überraschende Zeitpunkt der PK unterstreicht seinen Habitus. Er fühlt sich niemandem gegenüber verpflichtet. Nur sich selbst.

00:10 Guttenberg ist extrem angespannt. Seine Stirn ist beinah ständig hochgezogen. Er schließt seine Augen nicht nur, sondern presst sie länger zu, als es dem normalen Lidschlag entspricht. Dabei senkt er bewusst lange den Kopf. Er will sein Gegenüber nicht ansehen und will selbst, obwohl vor der Kamera, nicht gesehen werden. Seine Eröffnungsworte „es bedurfte keiner Aufforderung…“ wirken dabei wie eine trotzige Selbstbehauptung.

00:19 Indem er die Vorwürfe „mit allem Nachdruck“ von sich weist, schließt er die Augen so lange, dass man sich unvermittelt an die berühmten Bildsequenzen von Clinton und Barschel in den jeweiligen Anhörungen erinnert fühlen konnte.

00:22 Seine extrem gepresst festgehaltene Atmung und die markanten, impulsiven aber gleichzeitig stark gebremsten, auf manch einen bedrohlich wirkenden Bewegungen zeigen ihn so, wie man ihn oft vor der Kamera kennt. Es scheint als würde er dann innerlich beben und kaum an sich halten können.

Gastautor Ulrich Sollmann.
Gastautor Ulrich Sollmann.Foto: Marc Steffen Unger

00:27 Während er bezüglich der gegen ihn erhobenen Vorwürfe sprachlich eher sparsam bleibt und sich hierdurch nicht im Einzelnen mit diesen befasst, dient der Gebrauch von blumigen Adjektiven wie „…in mühevollster Kleinarbeit…“ dem Selbstmarketing, indem er an das Mitleid der Menschen appelliert. Sein Stilelement der Betonung scheint ihm aber dabei zu entgleiten, was nicht überrascht. Während er durch die stimmliche Betonung mehr Nachdruck auf sein persönliches Marketing legt, entlarven sein gesenkter Blick sowie die zu lange gepresst-geschlossenen Augen die fehlende Bereitschaft, sich tatsächlich dem Gegenüber, nämlich den Menschen in der Republik zu stellen. Dieser Blick, und da unterscheidet Guttenberg sich vom erfolgreichen Kommunikationspsychologen und Kriegsstrategen Napoleon, soll als Mittel der Betonung dienen. Nur unterbricht gerade ein solcher Blick den Kontakt zum Gegenüber. Er dient somit der Abwehr von Kontakt. Zu Guttenberg will keinen Kontakt. Und sein Bemühen um Betonung wandelt sich zur Selbstbehauptung.

00:31 Guttenberg bezieht weitgehend durch Ich-Aussagen Position. Wenn es aber um die speziellen Vorwürfe geht, spricht er von Fehlern und erweckt den Eindruck, als lägen diese Fehler nicht in seinem Verantwortungsbereich. Sein gerade in diesem Moment flüchtiges Lächeln, das für den aufmerksamen Beobachter gewiss eine bedeutsame Irritation darstellen könnte, kann daher als Mittel der Selbstzufriedenheit verstanden werden. Vielleicht aber auch als ein wissendes Lächeln, wodurch er das zuvor Gesagte wieder aufhebt.

00:44 Es überrascht nicht, dass er statt zu sagen „ich habe keine Fehler gemacht..“ betont, es seien keine Fehler gemacht worden.

00:56 Die Betonung der Zahlen („…475 Seiten, mehr als 1300 Fußnoten…“) nutzt zu Guttenberg daher weniger im Sinne von Information und Aufklärung sondern eher als Waffe, um genügend Sicherheits-Abstand zwischen den Menschen, den Medien und sich herzustellen.

01:04 es überrascht auch nicht, dass er persönliche Aussagen wie „es tut mir aufrichtig leid“ vom Manuskript abliest. Rhetorisch übrigens ein No-Go.

01:37 Guttenberg festigt und erhöht nicht nur die Distanz zu seinem Gegenüber sondern erhebt sich zudem über die Menschen und Institutionen, denen er sich zur Begutachtung anbietet, wie bspw. die Universität Bayreuth und die ethischen Beurteilungskriterien. Er würde an sich selbst keine anderen Maßstäbe ansetzen, „als er es bei anderen gemacht hätte“. Als wenn es in diesem Fall um seine Maßstäbe ginge!

01:43 Guttenberg redet jetzt frei, ohne Manuskript! Es geht nicht mehr um ihn und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Er erinnert an die Erwartungen der Menschen im Land, er solle sich um sein Ministeramt kümmern. Nur lenkt er ab vom Thema, das Anlass für diese PK ist. Und er instrumentalisiert die Menschen und die Medien in seinem eigenen Interesse.

01:53 Es würde schließlich um die Reform der Bundeswehr gehen, unterstreicht er seine Haltung, um vollends vom eigentlichen Plagiatsvorwurf abzulenken.

01:55 Anfang und Ende sind rhetorisch gesehen sehr wichtig. Beides bleibt am ehesten in der Erinnerung der Zuhörer. Machen wir es kurz: Guttenberg beginnt, indem er unterstreicht, dass er sich von niemandem was sagen lassen wolle. Und er endet seinen Auftritt, indem er mit betont gesenkter Stimme an „seine Verantwortung für die Soldaten im Einsatz“ erinnert.

Wer aber will bei der Trauer um die drei verstorbenen Soldaten noch mit dem Verteidigungsminister um etwaige Plagiatsvorwürfe streiten?

Ulrich Sollmann (www.sollmann-online.de) arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft, Politik und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung von Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien.

info@sollmann-online.de

17 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben