Kolumne "Abgeschrieben" : Das erschummelte Abitur

Wie wäre sein Leben verlaufen, hätte unser Kolumnist Matthias Kalle damals bei der Lateinprüfung nicht abgeschrieben: Ohne Großes Latinum und Abitur stünde er heute da. Aber irgendwie ist es ihm auch egal.

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Matthias Kalle. Foto: Privat
Matthias Kalle.Foto: Privat

Bevor es irgendwie anders rauskommt, schreibe ich es lieber, ich habe die Dinge gerne selbst in der Hand, also: Die Note meiner letzten Lateinklausur, diejenige also, die dafür verantwortlich ist, dass ich mein Großes Latinum habe, habe ich einem Mitschüler zu verdanken, der mich großzügig und uneigennützig Teile seiner eigenen Übersetzung hat abschreiben lassen. Ich bekam ein „ausreichend“, eine bessere Note hätte Verdacht ausgelöst, obwohl ich sie durchaus hätte erringen können, so ausgeklügelt – ich möchte fast sagen: pfiffig – war mein Abschreibsystem zu dieser Zeit. Es geht hier übrigens um das Jahr 1992, zwei Jahre später machte ich mein Abitur, aber dazu hätte es nicht kommen dürfen, wenn man meine Eigenleistung im Fach Latein hätte bewerten müssen. Abgesehen davon möchte ich aber darauf hinweisen, dass ich mein hervorragendes Abitur in den Fächern Deutsch, Geschichte, Mathematik und Philosophie ohne Fremdhilfe geschrieben habe – insbesondere meine Abiturklausuren in Deutsch und Geschichte gelten noch heute als Meisterwerke in sprachlicher und gedanklicher Hinsicht. Das alles trug sich übrigens in Nordrhein-Westfalen zu.

Ich weiß nicht, ob man mir mein Abitur im nachhinein aberkennen kann, mit diesen juristischen Feinheiten habe ich mich nicht beschäftigt, ich wollte einfach nur mal in die Offensive gehen, bevor es möglicherweise ein anderer tut, mein damaliger Sitznachbar zum Beispiel, der es heute unfair finden könnte, dass ich bislang nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Ich bin mir auch nicht sicher, was alles passieren würde, wenn mir jetzt nachträglich das Abitur aberkannt werden würde. Ohne Abitur hätte ich ja nicht studieren können, ohne ein Studium hätte ich es nicht abbrechen können, ohne abgebrochenes Studium hätte ich nicht so hart gearbeitet, um es denjenigen mit einem akademischen Abschluss aber mal so richtig zu zeigen – tatsächlich hat meine Arbeitswut wohl einiges kompensiert. Andererseits habe ich ein Leben, das ich mir damals erschwindelt habe. Hätte ich mein Latinum leistungsgerecht nicht bekommen und kein Abitur gemacht, hätte ich jetzt die mittlere Reife, ich hätte eine Ausbildung angefangen, ich wäre wohl in der Stadt geblieben, in der ich aufgewachsen bin, vielleicht würde ich noch zu Hause wohnen, Abends in eine Kneipe gehen und am Wochenende das Auto waschen, vielleicht würde ich in dunklen Momenten darüber nachdenken, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich damals in dieser Lateinklausur doch bloß geschummelt hätte.

So, Schluss mit diesen Sentimentalitäten, die Wahrheit ist doch, dass ich mir weder auf mein Abitur noch auf mein Grundstudium sonderlich viel einbilde. Gleichzeitig zucke ich vor keinem akademischen Grad zusammen, Ärzte spreche ich aus Prinzip niemals mit „Herr Doktor“ an, im Grunde genommen bin ich immer noch stolz auf meine proletarischen Wurzeln, aber irgendwie ist es mir auch egal.

Ich glaube, dass akademische Grade auch ein Fetisch werden können – so wie einer vielleicht Füße geil findet, findet ein anderer einen Doktortitel geil. Aus Geilheit stellen manche Menschen irre Dinge an; aus Eifersucht und Neid allerdings auch. Ich glaube außerdem, dass das Problem nicht Annette Schavan heißt, aber ich weiß das natürlich nicht so genau.

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