Kolumne "Ich habe verstanden" : Der Bart - ein Relikt aus längst vergangener Zeit

Mit oder ohne Bart - diese Frage stellt sich für unseren Kolumnisten Matthias Kalle nicht. Vielmehr überrascht ihn die Bedeutung, die dem Bart zugemessen wird. Seine Forderung ist eindeutig.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Ausgerechnet aus dem „Tagesspiegel“ habe ich diese Woche nun erfahren, dass ich ein Auslaufmodell bin, „out“, ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Warum? Weil ich immer noch einen Bart trage, obwohl doch kein vernünftiger Mann, der sich der Moderne verschrieben hat, im März 2013 noch einen Bart trägt. Ja Mensch, sogar Ben Affleck hat sich in der Oscar-Nacht seinen Bart abrasiert. Und auch diese anderen Männer, die in Brooklyn und Kreuzberg seit Jahren das Stadtbild dergestalt prägen, dass sie mit Bart und dicker, schwarzer Brille an Ecken rumlungern, seien ihres Bartes überdrüssig. Mein Problem aber ist folgendes: Nicht ich trage einen Bart – der Bart trägt mich.

Denn ich gehöre zu diesen Männern, die kein Problem mit ihren Haaren haben, darüber bin ich froh, das hat mit den Genen zu tun und mit Glück, meine Haare werden mich noch ein stückweit begleiten. Die Entscheidung zum Bart fiel vor über sieben Jahren, weil ich irgendwann zu faul zum Rasieren war. Nach vier Tagen ohne Rasur stellte ich fest, dass der Bart in mein Gesicht will, anders kann ich das heute nicht erklären. Damals trug übrigens weder Ben Affleck einen Bart noch irgendjemand sonst, den ich kannte, mit Ausnahme von Wolfgang Thierse. Und früher mal Rudolf Scharping.

Nacht der Bärte
Ben Affleck auf der "Vanity-Fair-Party" im Anschluss an die Oscar-Gala. Später in der Nacht rasierte er sich den Bart ab.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: AFP
26.02.2013 13:46Ben Affleck auf der "Vanity-Fair-Party" im Anschluss an die Oscar-Gala. Später in der Nacht rasierte er sich den Bart ab.

Tatsächlich habe ich mir über meinen Bart niemals Gedanken gemacht, für mich ist der kein modisches Accessoire, das man vielleicht zwei Sommer lang tragen kann und das ist auch mal gut. Die Farbe „weinrot“ ist vielleicht so etwas, ich sah in den vergangenen Monaten oftmals Männern mit weinroten Schuhen, mit weinroten Pullovern, aber rot ist einfach nicht meine Farbe, deshalb kam das für mich nicht in Frage.

Ich wäre dafür, dass man aus dem Bart weder ein Politikum macht, noch einen Trend. Ich wäre dafür, dass man in dieser Frage den Mann in Ruhe lässt – er soll seine eigene Entscheidung treffen. Vielleicht sollte er sich mit dem Menschen absprechen, den er küsst, das wäre fair. Aber sonst? In einem Magazin las ich vor kurzem auf einer Seite, in der ein Experte „Stilfragen“ beantwortet, die Frage einer Frau, was es eigentlich mit diesen Bärten auf sich habe. Sie fände Männer mit Bart unappetitlich, ja geradezu ungepflegt.

Der Stilexperte gab der Frau Recht und versuchte sie dahingehend zu beruhigen, dass die Sache mit dem Bart auch bald wieder vorbei sei, dann könnten beide aufatmen und müssten sich nicht mehr ekeln. Mir war bis vor kurzem wirklich nicht klar, dass ein Bart die Menschen auseinanderbringen kann – ich finde, damit misst man ihm ein bisschen viel Bedeutung bei.

Andererseits: Soll ja auch Männer geben, die zwar einen Bart haben, sich damit aber unwohl fühlen und jetzt froh sein dürften, dass sie ihn sich ganz offiziell wieder abnehmen können. Männer, die in den vergangenen Jahren auch dauernd so eine schwere, schwarze Brille mit Fensterglas trugen, obwohl ihre Augen vollkommen in Ordnung sind. Schütteln Sie nicht mit dem Kopf! Es gibt solche Männer! Ich trage eine Brille, ich trage einen Bart, aber schließen Sie darauf bitte keine Rückschlüsse auf meinen Charakter.

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