Kolumne "Ich habe verstanden" : Destruktives Fernsehen und die Lebenserwartung

Dänische Wissenschaftler haben in einer Studie festgestellt, dass Streit und Ärger die Lebenserwartung verkürzen. Keine gute Nachricht für einen Fernsehkritiker, befürchtet Matthias Kalle. Denn positive Überraschungen wie Francis Fulton-Smith in "Die Spiegel Affäre" sind eher die Ausnahme.

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Francis Fulton-Smith gab in "Die Spiegel-Affäre" den Franz-Josef Strauß.
Francis Fulton-Smith gab in "Die Spiegel-Affäre" den Franz-Josef Strauß.Foto: dpa

Am Freitag veröffentlichten Mediziner aus Kopenhagen eine Studie, die besagt: Streit macht krank, Ärger in Beziehungen verkürzt die Lebenserwartung, vor allem die der Männer. Elf Jahre lang beobachteten die Forscher fast zehntausend Erwachsene mittleren Alters – diejenigen, die sich oft stritten mit ihrem Partner, starben eher als die, die sich nicht stritten. Und es traf vor allem die Männer. Eine Forscherin sagte: „Männer sind offenbar besonders verletzlich, wenn ihre Partnerin ihnen Ärger und Sorge bereitet.“

Ich will mich in Zukunft vom Ärger fernhalten – aber das bedeutet dann ja auch, dass ich mich nicht mehr so viel ärgern darf, dabei bin ich doch auch Fernsehkritiker: Muss ich mir jetzt einen anderen Job suchen? Offenbar nicht – es gibt Hoffnung, manchmal ja da, wo man sie am wenigsten vermutet.

Kennen Sie den Schauspieler Francis Fulton-Smith? Vielleicht nicht dem Namen nach, aber Sie haben ihn bestimmt schon einmal gesehen, aus Versehen vermutlich, zum Beispiel in der Serie „Familie Dr. Kleist“, in der er Dr. Kleist spielt. Oder in einer der unzähligen „Soko Dingenskirchen“-Episoden. Oder in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Falls Sie ihn also jemals in so einem Fernsehmissverständnis gesehen haben und dann, mit voller Absicht, am Mittwochabend in der ARD „Die Spiegel Affäre“ geschaut haben, dann werden Sie wahrscheinlich Ihren Augen nicht getraut haben. Da gab Fulton-Smith den Franz-Josef Strauß, und sein Spiel war eine Naturgewalt, schlichtweg großartig. Die Leistung von Fulton-Smith war auch deshalb so beachtlich, weil er Strauß zu keinem Zeitpunkt wie eine Karikatur erscheinen ließ – obwohl sich ja auch gerade das angeboten hätte.

Konstruktiver Streit kann förderlich sein

Fulton-Smith war übrigens der Beste in einem sehr guten Schauspiel-Ensemble. Was verblüfft: auch ein Schauspieler wie Henning Baum, der einen als „letzter Bulle“ vollkommen egal ist, lieferte die Leistung seines Lebens ab als Oberst Alfred Martin. Auch andere Schauspieler bewiesen, dass sie ansonsten wohl ehr unterfordert werden – ihnen zuzuschauen war ein Genuss, der auf diesem Sendeplatz, mit diesem Genre alles andere als selbstverständlich ist.

Vielleicht liegt das daran, dass diesmal nicht Nico Hofmann der Produzent war. Zwar führte Roland Suso Richter Regie, der bereits für Hofmann gearbeitet hat, aber auch der zeigte, zu was in der Lage wäre – ebenso Drehbuchautor Johannes Betz. Aber ist das nun Zufall, Glück, Geschick?

Keine Ahnung. Ich bin Fernsehkritiker, kein Wissenschaftler. Wissenschaftler haben übrigens auch festgestellt, dass man länger lebt, wenn man sich konstruktiv streitet. Da bin ich auf jeden Fall dafür. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Fernsehen da mitmacht. Das scheint mir manchmal einfach zu destruktiv.

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