Kolumne "Ich habe verstanden" : Deutsche Stars - eine Spurensuche

Ein Star – was war das gleich noch mal? Unser Kolumnist Matthias Kalle hat sich auf die Suche gemacht und musste feststellen, dass die Deutschen mit „Stars“ so ihre Probleme haben. Liegt das an Hitler?

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Die Sendung "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" fuhr bislang vorzeigbare Quoten ein. Aber kann hier tatsächlich von Stars die Rede sein?
Die Sendung "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" fuhr bislang vorzeigbare Quoten ein. Aber kann hier tatsächlich von Stars die...

Mehr so im Geheimen sucht Deutschland gerade einen Superstar – die Quoten dieser RTL-Castingshow sind schlecht, das Interesse für dieses Format sinkt seit Jahren, während das Interesse an der Sendung, die die meisten „Dschungelcamp“ nennen, die aber korrekterweise „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ heißt, stetig steigt. In beiden Shows geht es nicht um „Stars“, darauf wurde schon mehrfach hingewiesen, aber könnte es nicht auch sein, dass die Deutschen mit „Stars“ generell eher so ihre Probleme haben? Und falls ja – liegt das an Hitler?

Ein Star – was war das gleich noch mal? Ach ja: Ein Mensch, der sich von der Masse abhebt, der bewundert wird, vielleicht sogar verehrt; der mit seinem Talent, seinem Können, seinem Charisma, seiner Ausstrahlung einen Unterschied macht. Ohne es zu werten können als Stars folgende Personen gelten: Marylin Monroe, Nelson Mandela, Michael Jackson, Leonardo di Caprio, Christiano Ronaldo, David Bowie, Madonna, George Clooney, Meryl Streep, Mick Jagger, Barack Obama. Die Liga ungefähr.

Deutsche Stars? Wird schon schwieriger. Wenn es nach der Einschaltquote ginge, dann müsste man hier vor allem die Schauspielerin Christine Neubauer nennen, die in regelmäßigen Abständen mehr Zuschauer vor den Fernseher lockt als irgendwer sonst – macht sie diese Tatsache zum größten deutschen Star? Oder sind es doch eher ältere Männer: Franz Beckenbauer, der Joseph Ratzinger, Thomas Gottschalk? Und was ist mit Til Schweiger? Lockt Millionen ins Publikum, irre Einschaltquote bei seinem ersten „Tatort“, hat in Hollywood-Filmen mitgespielt – und steht öffentlich oft in der Kritik. Fernab jeder Kritik war der Anschlag auf sein Haus in dieser Woche, eine Art analoger „Shitstorm“, der leider zeigt, das die Dinge etwas aus dem Ruder laufen.

Til Schweiger hält sich an die Regeln

Harald Schmidt sagt in einem Interview mit dem „FAZ Magazin“, dass Publikumsbeleidigungen durch sein Gehalt abgedeckt seien. Das ist zum einen eine bemerkenswerte Gelassenheit – zum anderen aber vielleicht doch das etwas falsche Signal: Bewerft mich mit Schmutz so viel ihr könnt – mein Innerstes trefft ihr nicht, denn es steckt unangreifbar in einem goldenen Safe! Wo Schmidts Schmerzgrenze hoch ist, liegt sie bei anderen womöglich etwas niedriger, aber das Publikum neigt nicht zu Differenzierung. Die als legendär zu bezeichnende Ausgabe des NDR-Magazins „Das!“, in der Katja Riemann und Hinnerk Baumgarten kein Interview miteinander hatten, steht beispielhaft für einen Kontrollverlust seitens der Zuschauer. Manche halten seitdem Katja Riemann für eine unglaubliche Zicke, manche halten Hinnerk Baumgarten für die Karikatur eines Interviewers. Alle halten an ihrer Weltsicht fest, aber tatsächlich sprach Katja Riemann den endgültigen Urteilsspruch dazu: „It takes two to tango“ – zum Tango braucht es immer zwei.

Das Verhältnis der Deutschen zu den Stars hat aber mit Tango nichts zu tun – eher mit Pogo, jenem Tanz der Punks, in dem man sich schubst und haut bis alle blaue Flecken bekommen. Vielleicht will der Deutsche nie wieder den Fehler machen und eine Person verehren wie das schon einmal passiert ist. In dem Buch „Die Frauen der Diktatoren“ von Diane Ducret geht es in einem Kapitel um die Liebesbriefe, die Hitler von Frauen bekommen hat (Adolf Hitler erhielt mehr Fanpost als Mick Jagger und die Beatles zusammen); einer beginnt so: „An meinen geliebten Führer! Jeden Tag muss ich an Sie denken, jede Stunde, jede Minute. Am liebsten führe ich nach Berlin und käme zu Ihnen! Darf ich das?“ Kein Shitstorm, nirgends. Die Dame durfte übrigens nicht.

Wenn man sich schon einmal in einer Personenverehrung so schlimm vertan hat, dann wird man vielleicht skeptischer. Aber irgendwie scheint sich eine Art von Maßlosigkeit dann doch fortzuführen: Flammende Liebe, blanker Hass. Dazwischen scheint es wenig zu geben. Und wenn heute „Stars“ öffentlich beschimpft werden (Fußballer, Schauspieler, Musiker), könnte es morgen bereits den Bäcker treffen, den Friseur, die Kassiererin bei Rewe (kriegt nicht mal ordentliche Brötchen hin – gehört sofort gefeuert – zieht missmutig die Waren übers Band).

Eine alte, wahre Faustregel des Showgeschäfts lautet: If you can’t stand the heat get out oft he kitchen – wer die Hitze nicht erträgt, hat in der Küche nichts zu suchen. Das Problem scheint ehr zu sein, dass sich heutzutage Menschen in diese Küche verirrt haben, die eigentlich ganz woanders hinwollten.

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