Kolumne "Ich habe verstanden" : Fest im Griff der Wutbürger

Wer sind die Leute, die zornige Leserbriefe schreiben, in Online-Foren meckern, sich bei den Nachbarn beschweren? Unser Kolumnist Matthias Kalle ist einem von ihnen begegnet - im Zug.

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Der Wutbürger lauert überall.
Der Wutbürger lauert überall.Foto: imago

Ich bin mal wieder mit dem Zug gefahren und habe dabei festgestellt, dass der deutsche Wutbürger den Alltag fest im Griff hat. Der Zug war voll, ich hatte reserviert, auf den Plätzen vor mir saßen zwei ältere Damen, die ihre Sitze weit nach hinten gestellt hatten.

Das ist ihr gutes Recht, und damit es für mich während der Fahrt weniger beengt wird, wollte ich auch meinen Sitz zurückstellen. Hinter mir saß ein mittelalter Mann, der einen kultivierten Eindruck machte. Ich wies ihn daraufhin, dass ich gleich meinen Sitz nach hinten stellen würde und er sagte: „Versuchen Sie das mal.“

"Och nöööö" quengelt der Hintermann

Ich hatte schon ein paar Mal Sitze in Zügen nach hinten gestellt, ich musste das nicht versuchen - ich kann das. Und ich machte es. Und er sagte: „Och nöööö.“ Genau so. Wie ein kleines, quengliges Kind. „Och nöööö.“

Ich sagte freundlich, dass er seinen Sitz ja auch nach hinten klappen könne, dann hätten wir alle wieder ungefähr gleich viel Platz. „Ich will das nicht!“, sagte er. Ich fragte ihn, noch immer freundlich, ob er denn nicht auf den Nebenplatz ausweichen könne, der sei, im Gegensatz zu meinem Nebenplatz, ja nicht reserviert. „Ich sitze lieber außen“, sagte er.

Och nööööö, ich will das nicht, ich sitze lieber außen. Ich fragte ihn, was wir denn jetzt machen sollten und er sagte, ich solle meinen Sitz wieder „normal“ stellen, dann sei ja alles gut.

Und ich wollte sagten, dass dann nicht alles gut sei, ich würde dann ja sehr beengt sitzen, das sei nicht fair - aber das sagte ich nicht. Ich stellte meinen Sitz wieder „normal“. Ich hätte die älteren Damen vor mir fragen können, ob sie ihre Sitze nicht auch „normal“ stellen könnten, aber das war mir dann auch zu blöd und unangenehm.

Leserbriefschreiber, Pirincci-Verteidiger, Wutbürger

Der Mann hinter mir las ein Buch, ich habe nicht gesehen welches, und es war wahrscheinlich nicht dieses Pirincci-Buch. Dabei würde ich manches besser verstehen, wenn alle Menschen, deren Verhalten ich mindestens fragwürdig finde, dieses Buch läsen. Aber ich weiß, dass es in den vergangenen Wochen sehr viele Leserbriefe gab, wenn in irgendeiner Zeitung ein kritischer Text über dieses Buch erschien.

Die Leserbriefschreiber regten sich dann furchtbar auf, wie man so über ein Buch urteilen könne. Das sei arrogant. Das sei wieder einmal der Beweis dafür, dass die linksliberalen Medien alle unter eine Decke stecken und die Wahrheiten in diesem Land ignorieren würden.

Viele dieser Leserbriefschreiber haben das Buch selbst überhaupt nicht gelesen, aber alles, was sie darüber wissen und gehört haben, scheint ihnen wahrhaftiger zu sein als die Kritik von Journalisten, die das Buch gelesen haben.

Überfahren von der Moderne

Und ich finde das natürlich furchtbar und falsch, aber trotzdem muss man diese furchtbare und falsche Haltung ernst nehmen. Denn diese Haltung haben ja nicht nur homophobe, rassistische, sexistische und rechtsradikale Menschen.

Diese Haltung haben auch Menschen, die mit den Verhältnissen grundsätzlich nicht einverstanden sind; die sich überfahren fühlen von der Moderne, von Dingen, die sie nicht verstehen und die ihnen keiner erklärt. Weil die Menschen das Gefühl haben, dass eh niemand mehr mit ihnen redet und ihnen Dinge erklärt – dadurch fühlen sie sich machtlos.

Deshalb schreiben sie Leserbriefe, in denen sie sich im Ton vergreifen. Deshalb suchen sie sich Nischen, in denen sie mächtig erscheinen – und nicht hilflos den Anforderungen der Welt ausgesetzt sind. Und eine dieser Nischen kann der Sitzplatz im Zug sein. Eine Nische, die einen dazu bringt, sitzen zu bleiben und darauf zu beharren, dass bitteschön alles so zu bleiben hat, wie es war, weil es so, wie es war, eben besser war.

Manche Dinge kann man zwar verstehen. Aber das Verstehen macht es nicht leichter. Es macht es schwerer.

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