Kolumne "Ich habe verstanden" : Wenn der Demokratie der Wähler verloren geht

Im Vorfeld der Wahl wird mit einem Ergebnis ziemlich sicher gerechnet: Dass am Sonntag so wenige Menschen wie noch nie wählen gehen. Doch wenn der Demokratie die Menschen verloren gehen, droht Gefahr.

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Im Vorfeld der Wahl wird mit einem Ergebnis ziemlich sicher gerechnet: Dass am Sonntag so wenige Menschen wie noch nie wählen gehen.
Im Vorfeld der Wahl wird mit einem Ergebnis ziemlich sicher gerechnet: Dass am Sonntag so wenige Menschen wie noch nie wählen...Foto: dpa

Dauernd verschwinden Dinge. Das Tamagotchi zum Beispiel. Erinnert sich eigentlich noch jemand an das Tamagotchi? Das war 1997 ja so etwas wie 2013 das iPhone. Ein Elektronikspielzeug, bei dem man sich um ein virtuelles Küken kümmern musste. Hatten alle damals. Und dann war es plötzlich weg. Angeblich soll es 2004 einen Nachfolger gegeben haben, aber ich glaube, das hat niemand mitbekommen.
In vielen deutschen Städten verschwinden Karstadt-Filialen, Praktiker-Märkte, Schlecker-Läden. Bald verschwinden die beiden Berliner-Tatort Kommissare, seltsamerweise zu einem Zeitpunkt, als sie eine der besten Tatort-Folgen seit langem abgeliefert haben. Gilt vielleicht doch der Satz, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist?
Kann man ja ruhig machen, denn man sieht sich bekanntlich immer zweimal im Leben. Jedenfalls scheinen darauf einige zu hoffen. Vor kurzem habe ich gelesen, dass es Menschen gibt, deren Suche nach Ex-Partnern bei Facebook man mit Suchtverhalten gleichsetzen kann: Wenn sie jemanden gefunden haben, mit dem sie mal was hatten, dann gibt das einen Kick der vergleichbar ist mit Drogenkonsum. Obwohl also ständig Dinge verschwinden, versucht man sie zurückzuholen – tatsächlich folgt man damit einer alten Zauberer-Regel: Der Trick besteht nicht darin, Dinge verschwinden zu lassen, sondern sie wieder herzuholen.

Trick für die Bundestagswahl

Und damit sind wir bei der Bundestagswahl, denn um genau diesen Trick geht es auch am Sonntag. Dinge, die verschwunden sind, müssen wieder her. In diesem Fall die Wähler. Das gilt für jede Partei, denen in den vergangenen Jahren die Wähler abhanden gekommen sind, also tatsächlich für alle Parteien bis auf die AfD. Das gilt aber auch für die Wahlbeteiligung, denn wenn man die Umfragen ernst nimmt, werden am Sonntag weniger Menschen zur Wahl gehen als je zuvor. Der Trick muss nun sein, dass man Menschen in die Wahllokale zaubert – damit sie wählen; und damit endlich die entzaubert werden, die seit Wochen versuchen aus dem Nichtwählen einen demokratischen Akt zu machen, die ihre Wahlverweigerung als etwas heroisches, kluges und/oder sogar als etwas avantgardistisches, cooles, hippes verkaufen wollen. Denn wenn der Demokratie die Menschen verloren gehen, dann ist das kein Trick mehr. Das nennt man dann Gefahr.

„taz“-Leser beschwerten sich heftig

Seit dieser Woche gehen übrigens der „taz“ die Leser verloren. Es gab wütende Protestbriefe, Abo-Kündigungen – der Grund: Ein Text des Göttinger Politikwissenschaftlers Frank Walter in dem es um Jürgen Trittin und das Thema Pädophilie bei den Grünen geht (Trittin war 1981 „verantwortlich im Sinne des Presserechts“ für ein Kommunalwahlprogramm der Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) in Göttingen, worin durch die Gruppe „Homosexuelle Aktion Göttingen“ neben einer umfassenden Gleichstellung Homosexueller auch gefordert wurde, die Paragraphen 174 (Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen) und 176 (Sexueller Missbrauch an Kindern) des StGB so zu fassen, „dass nur Anwendung oder Androhung von Gewalt oder der Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses unter Strafe stehen“). Die „taz“-Leser, in der Mehrheit Wähler der „Grünen“, beschwerten sich heftig. Vor allem, so „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl, über folgendes: „Wie kann sich ausgerechnet die „taz“ zum Steigbügelhalter von Kräften machen lassen, die mit der angeblichen Pädophilie-Affäre den Grünen nachhaltig schaden wollen.“

Alle „taz“-Lesern, alle Grünen-Wählern, alle anderen Wählern und alle Nichtwählern sollten sich unbedingt noch einmal die Talkshow „Anne Will“ vom vergangenen Mittwoch anschauen. Dort wurde zunächst eine dreiviertel Stunde über Politik diskutiert und gestritten, dass jedem Nichtwähler, der gerade behauptet, all das ginge ihn nichts an, die Schamesröte ins Gesicht steigen müsste. Doch dann ging es eben um die Pädophilie-Debatte. Und es wurde sehr still im den Fernsehstudio. Und dann redete Renate Künast und plötzlich war sie nicht mehr die engagierte Wahlkämpferin, sondern eine innerlich zerrissene Frau, der Schuld sehr bewusst, sie suchte nach den richtigen Worten – und fand sie: „Es ist unerklärbar.“; „Es war Irrglaube, Irrsinn.“; „Da kann man nur mit Grausen dran denken, was wir Menschen damit angetan haben.“; „Wir haben massive Fehler gemacht.“ Und dann sagten Kubicki (FDP) und Bosbach (CDU), dass dieses Thema nicht in den Wahlkampf gehöre, die Zuschauer applaudierten, dann sagte Bosbach, er denke nicht daran, Trittins Rücktritt zu fordern, und was Künast gesagt habe, „nötigt mir Respekt ab.“ Manche Dinge verschwinden nicht, nicht mal im Wahlkampf. Zum Glück.

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